Stuttgart – Als Elisabeth Seitz diesen Sprung, einen Jurtschenko mit Doppelschraube, gestanden hatte, klatschte sie in die Hände, und war für einen kurzen Moment umhüllt von einer Magnesia-Wolke. Die Erleichterung, der abfallende Ballast, die große Freude, all das war in diesem kurzen Moment am Freitag in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle greifbar. Wochen-, monate-, ach was, jahrelang hatte die Riege um die deutsche Vorzeigeturnerin hingefiebert auf diesen einen Tag, an dem sich so viel entscheiden würde. Bei der Qualifikation der Heim-WM in Stuttgart geht es um das Ticket für die Olympischen Spiele, und mit Blick auf den Zwischenstand nach dem ersten von zwei langen Quali-Tagen dürfen sich die deutschen Frauen darauf einstellen, im kommenden Jahr in Tokio dabei zu sein.
„Irgendwo muss ein großer Berg voll Steine liegen, so viele wie mir heute vom Herzen gefallen sind“, sagte Seitz, die die deutsche Riege angeführt und einen Sahnetag erwischt hatte. Ein nahezu fehlerfreier Mehrkampf der 25-Jährigen wurde mit 54,99 Punkten belohnt, mit dem Einzug ins Vierkampffinale kann die Stuttgarterin wohl ebenso planen wie mit jenem in den Einzel-Endkampf am Stufenbarren. 14,8 Punkte zeigte die Anzeigentafel nach der Übung, in der sie auf Sicherheit geturnt und eine wertvolle Verbindung weggelassen hatte. Für alle stand an diesem Tag das Team im Fokus, das nun bis zum letzten Quali-Durchgang am Samstagabend zittert, ob es sogar für das Finale der besten acht der 24 antretenden Mannschaften reicht.
Seitz sah das ganze kurz nach dem Wettkampf positiv, Cheftrainerin Ulla Koch hingegen war nicht ganz zufrieden. „Meine Devise war: Keine eigenen Fehler machen und nicht auf die Fehler der anderen hoffen. Die muss ich nun revidieren“, sagte sie. Ganz ohne Wackler war die deutsche Riege vor ausverkaufter Halle nicht durchgekommen, ein Sturz von Weltmeisterin Pauline Schäfer am Balken kam ebenso in die Wertung wie zwei große Landungsfehler am Boden. Koch hatte nach dem Wettkampf sogar noch den Videobeweis gefordert und sich die Bodenübung von Seitz noch mal genau angesehen. „Mit dem kleinen Zeh“ hatte die deutsche Rekordmeisterin die Fläche verlassen, das gab sieben Zehntel Abzug. Mit 161,897 Punkten rangierten die deutschen Damen aber nach ihrem Durchgang auf Platz eins vor den ebenso stark eingeschätzten Belgierinnen.
Die Halle war voll besetzt, als die deutschen Damen um 13.30 Uhr an die Geräte traten. „Gänsehaut“, davon erzählt Fabian Hambüchen heute noch, hatten die DTB-Riegen schon vor zwölf Jahren an den Qualifikationstagen der Heim-WM, und so war es auch diesmal. Sogar Seitz und die noch routiniertere Lokalmatadorin Kim Bui (30) ließ die Atmosphäre nicht kalt, das Duo aber leistete sich kaum einen Fehler. Anders erging es Mannschafts-Küken Emelie Petz (16), die an Stufenbarren und Schwebebalken abstieg und vier Mal das Streichresultat lieferte. Auch Schäfer, die als Ersatzturnerin kurzfristig eingesprungene Balken-Weltmeisterin von 2017, musste ihr Paradegerät verlassen. Einen starken Vierkampf zeigte dafür Sarah Voss, die mit 54,132 Punkten wie Seitz auf das Mehrkampf-Finale hofft.
Dort will Seitz ihn dann noch mal zeigen, den Sprung, der sie „selbst überrascht hat“. Zuletzt 2013 hatte sie die Doppelschraube geturnt, nun klappte sie so gut wie selten zuvor. „Ich habe sie mir aufgespart“, sagte sie lachend. Die Halle tobte – und das Magnesia flog.