Rätselhafte Schwankungen

von Redaktion

Nach den ersten Saisonwochen bleibt die Frage: Wie stark ist der FC Bayern?

VON DANIEL MÜKSCH

München – Beinahe unheimlich wirkten die letzten Wochen beim FC Bayern: Im Training nahm man sich liebevoll in den Arm. Feixte mit den Mittelspielern aus konkurrierenden Übungsgruppen. Abends brach die Mannschaft Richtung Theresienwiese auf, um dem propagierten Teamgeist auf der Wiesn Leben einzuhauchen. Hätte die Vereinsführung – besonders Präsident Uli Hoeneß – die Fußballnation mit seinen DFB-Attacken nicht versorgt, hätte man meinen können, das nationale Kuschelzentrum liegt in 81547 München, Stadtteil Untergiesing-Harlaching, Säbener Straße 51-57.

Tabellenführer, ein historischer Auftritt in der Champions League – auch sportlich herrschte eitel Sonnenschein. Doch mit der 1:2-Heimblamage gegen Hoffenheim ziehen Wolken über der Münchner Herrlichkeit auf. In der Länderspielpause fragen sich Fans genauso wie Spieler und Präsidium: Wie stark sind wir wirklich? Was kann man von der Mannschaft für den Rest der Saison erwarten? Dabei haben die esten Saisonwochen bereits Erkenntnisse über den FC Bayern 2019/20 geliefert:

1. Der Bayern-Kader ist qualitativ gewappnet für höchste Ansprüche.

Geplatzte Sommertransfers (Leroy Sané), prominente Abgänge (Mats Hummels) und Verpflichtungen, die kritisch beäugt wurden – wie Ivan Perisic. Dazu der holprige Saisonauftakt zu Hause gegen Hertha BSC. Die fußballerische Durchschlagskraft für die hohen (europäischen) Ansprüche des Vereins schien fraglich. Spätestens nach der Darbietung gegen Tottenham ist diese Sorge unbegründet. Der Auftritt in London war ein Statement. In diesem Kader schlummert Großes. Es muss nur erweckt und dauerhaft am Leben gehalten werden.

2. Die Neuzugänge passen.

Nicht nur Ivan Perisic hat bisher gezeigt, dass er der Mannschaft weiterhelfen kann. Auch Benjamin Pavard hat nach ein paar Wacklern zu Beginn der Saison gezeigt, dass er bei den Bayern zum Stammspieler avancieren kann. Sein Weltmeister-Kollege Lucas Hernández hat seine Knie-OP gut überstanden und wirkt körperlich topfit. Der 80-Millionen-Mann ist schon jetzt eine feste Bayern-Größe. Und anscheinend ist der Philippe Coutinho vom FC Liverpool in München gelandet und nicht der Barcelona-Coutinho. Eine schwierige Transferperiode hat ein gutes Ende genommen.

3. Für 90 Minuten am Stück reicht es (noch) nicht.

Selbst beim 7:2-Gigantensieg in London musste der Rekordmeister eine heikle Anfangsphase mit Rückstand überstehen. Beim bisherigen Bundesliga-Höhepunkt gegen Leipzig reichte es auch lediglich zu 45 überragenden Minuten. Erzielen die Münchner eine Führung, schaffen sie es zudem selbst gegen schwächere Gegner wie Köln oder Paderborn nicht, die Partie souverän zu Ende zu spielen. Besonders in den K.o.-Spielen der Champions League gegen Branchenriesen wie den FC Liverpool wird man jedoch nur mit einem Top-Niveau über 90 Minuten eine Chance haben.

4. Das Defensivverhalten ist die große Schwachstelle.

Keine Mannschaft aus den Top-7 der Liga hat aktuell mehr Gegentore kassiert. Nur zweimal spielte man in der Bundesliga zu null. Doch es ist zu einfach, die Abwehr zu beschuldigen. Das gesamte Defensivverhalten ist ein Problem. Spieler wie Tolisso oder Thiago sehen sich eher als offensive Taktgeber anstatt als defensive Stabilisatoren. Ein Coutinho wird auch nicht mehr zu einem Defensiv-Virtuosen. Das muss der Brasilianer auch nicht. Seine Stärken liegen woanders. Aber durch die Offensiv-Fixierung der gesamten Zentrale entstehen große Lücke in der Rückwärtsbewegung, welche die Abwehrspieler und Manuel Neuer ausbaden müssen.

5. Auch diese Saison kein neuer „Müller“ in Sicht.

Vor der Saison hofften viele Fans, Niko Kovac würde einen neuen Thomas Müller oder wenigstens einen Holger Badstuber aus dem Hut zaubern – so wie Louis van Gaal 2010. Doch spätestens nach den Einlassungen des Bayern-Trainers, dass weder Jerome Boateng noch Javi Martinez zur Deposition stehen, ist klar: Nur bei größter Personalnot werden Talente wie Joshua Zirkzee, Lukas Mai oder Oliver Batista-Meier Profiluft schnuppern. Ihr Revier bleibt die Dritte Liga. Es wird auch weiterhin nur einen Thomas Müller geben.

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