Vorteilhaft, wenn der Trainer gesperrt ist?

von Redaktion

Jonas Hector

Es gibt viele Gründe, mit Jonas Hector zu sympathisieren. Nämlich: Er entstammt nicht einem der Nachwuchsleistungszentren des Profifußballs, sondern stieg auf aus den Tiefen des saarländischen Amateurfußballs (AV Auersmacher). Er studiert nebenzu. Er ist trotz des Abstiegs 2018 beim 1. FC geblieben. Und er hat sich so toll gefreut über sein listiges Kopfballtor zum 1:1 bei Schalke 04. Er wirkte auch topfit.

Am Sonntagmorgen dann: Absage an Joachim Löw für die Länderspiele gegen Argentinien und in Estland. Begründung: „Neuromuskuläre Probleme.“ Was übersetzt wohl heißt: Er ist nicht verletzt, es könnte aber sein, dass er sich die kommenden Tage verletzt.

Hector ist der erste Fußballer, der einen solchen Absagegrund nennt. Man sollte ihn dafür aber nicht verurteilen, sondern ihn mit einem Preis für Innovation ehren. Seit der Er- bzw. Auffindung der Adduktoren (Franz Beckenbauer nach verschossenem Elfmeter), des Syndesmosebands (Stefan Effenberg) und des Iliosakralgelenks (Oliver Kahn) endlich wieder ein Fortschritt in der medizinischen Terminologie.

„Neuromuskuläre Probleme“ passt in die Zeit. Viel besser als das althergebrachte „Der Muskel hat zugemacht“ von Lothar Matthäus. Wahrscheinlich hat Hector sich für einen Anschluss-Job in der DFB-Akademie empfohlen, in der der Fußball verwissenschaftlicht werden wird. Wer auf dem Oliver-Bierhoff-Campus demnächst übrigens anfangen wird: Jan-Ingwer Calssen-Bracker, der im Sommer beim FC Augsburg keinen neuen Vertrag mehr bekam. Er wird in der DFB-Akademie den Bereich Neuro-Athletiktraining aufbauen. Passt!

Borussia Dortmund

Das Interview von Ecki Heuser (Sky) mit Marco Reus nach dem 2:2 in Frankfurt vor zwei Wochen kommt in seiner Berühmtheit gleich nach dem Eistonnen-Gespräch von 2014 zwischen Boris Büchler (ZDF) und Per Mertesacker (Deutschland). Reus brauste auf bei der Frage, ob der BVB ein Problem mit der „Mentalität“ habe – das sei ja wohl die 0815-Erklärung der Unwissenden. Mag stimmen – dennoch fällt es auf, dass den Schwarz-Gelben eine so gut wie gewonnene Partie immer noch halb entgleitet. 2:2 in Frankfurt (88. Minute), 2:2 gegen Bremen (immerhin schon in der 56. Minute), 2:2 in Freiburg (89. Minute). Was die Fälle Bremen und Freiburg verbindet: Den Ausgleich erledigten die Dortmunder mit einem Eigentor (Delaney, Akanji) selbst. Wenn das nicht Kopfsache ist und der BVB in einem psychologischen Diskurs (selbsterfüllende Prophezeiung) steckt.

Nur darf das Wort „Mentalität“ nicht fallen. Es darf keinen BVB-Mund verlassen. „Wir haben ein paar Baustellen“, sagt daher Julian Brandt. Und: „Wir müssen in den Kampfmodus, da gibt es Mannschaften, die besser sind.“ Und Trainer Lucien Favre meint: „Die Aggressivität hat gefehlt.“

Aggressivität kommt aus dem Geist. Sie ist also wohl etwas Mentales.

Premiere

Sandro Schwarz durfte Mainz 05 beim 2:1-Sieg in Paderborn nicht coachen. Er hatte am Spieltag zuvor als erster Trainer in der Bundesliga die Gelb-Rote Karte gesehen. Folglich war er gesperrt. Sperre bedeutet: Er darf von einer halben Stunde vor bis halben Stunde nach dem Spiel keinen Kontakt zur Mannschaft unterhalten. Schwarz verkrümelte sich in den Bus (mit Fernsehanschluss). Und sah, wie sein Team ohne sein direktes Zutun vom Spielfeldrand aus zum zweiten Sieg dieser Saison kam.

Was sagt man in einer solchen Situation? „Die Jungs haben für unseren Coach alles rausgehauen“, so Sportvorstand Rouven Schröder. Doch in der gespaltenen Mainzer Fanszene gibt es durchaus auch Stimmen, die den Erfolg in Paderborn darauf zurückführen, dass Schwarz eben nicht Einfluss nehmen konnte. Wobei man in Zeiten moderner Kommunikationsmethoden nicht weiß, ob er sich wirklich raushielt aus allem. Jan-Moritz Lichte, der ihn als Coach auf der Bank und in der Kabine vertrat, war im Fernsehinterview ganz vorsichtig, sagte nichts von möglichen wichtigen Tipps, einer SMS oder einem Anruf aus dem Bus – nicht dass das illegal war und einem die Punkte wieder weggenommen werden.

Schon kommen die gefährlichen Fragen: Was hat es zu bedeuten, dass der Ersatztrainer nach einem Spiel schon genauso erfolgreich ist wie der Haupttrainer nach sechsen? Steht mit Lichte der Nachfolger schon bereit? Er stünde für die klassische interne Erbfolge? Würde er es machen wollen?

Der rhetorische Ausweg: Vielleicht, schlugen die Mainzer vor, sollte man Sandro Schwarz auch beim nächsten Spiel in den Bus sperren. Zerlegt hatte der ihn, wie von Rouven Schröder befürchtet, nicht. Sonst hätte Mainz ihn wohl gesperrt. GÜNTER KLEIN

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