Alles außer Freundschaft

von Redaktion

Deutschland – Argentinien: Traditionsduell mit Härte, Vorwürfen und Verschwörungstheorien

VON GÜNTER KLEIN

München – Der Begriff ist aus der Kommunikation des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verschwunden. Das gute alte „Freundschaftsspiel“ – gibt es nicht mehr. Auch nicht zur Unterscheidung von den „Pflichtspielen“. Der DFB hält es nun so: Am Sonntag (20.45 Uhr) bestreitet die Nationalmannschaft in Estland ein „EM-Qualifikationsspiel“, zuvor, am Mittwoch in Dortmund gegen Argentinien, hat sie schlicht ein „Länderspiel“.

Man spielt schließlich nicht aus Freundschaft gegeneinander, das klingt nach Vereinsheim, Kreisliga und Unverbindlichkeit. Wenn hingegen der deutsche Verband mit dem argentinischen was ausmacht, benötigt das einen Vorlauf von ein bis zwei Jahren, wie Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff mal verraten hat, es ist eine Vermarktungsagentur zwischengeschaltet, es geht um globale TV-Rechte. Und vor allem: Von Freundschaft kann nicht die Rede sein, wenn diese beiden Nationen aufeinandertreffen. Eher sind es Feindschaftsspiele.

Weil einiges vorgefallen ist zwischen der deutschen Mannschaft und der „Albiceleste“ und weil jede Seite einen Komplex in Richtung der anderen verspürt: Von den Spielen, die sein müssen (bei Weltmeisterschaften), hat Argentinien zuletzt eines 1986 gewonnen, es war das Finale von Mexiko City (3:2). Dafür gehen die Freundschaftsspiele (wie sie ja lange hießen) regelmäßig an die Gauchos. Letzter deutscher Erfolg: 1988 ein 1:0. Die Resultate seitdem aus deutscher Sicht: 1:2 (1993), 0:1 (2002), 2:2 (2005), 0:1 (2010), 1:3 (2012) und 2:4 (2014). Gespielt wurde immer in Deutschland – der besseren Vermarktbarkeit wegen. Star-Nationen wie Brasilien und Argentinien treten zu normalen Länderspielen außerhalb von Qualifikationen und kontinentalen Turnieren lieber auswärts an.

1990 gewann Deutschland in Rom das WM-Finale gegen das Maradona-Argentinien 1:0 – doch war der Elfmeter, den Andy Brehme verwandelte, einer? 2006 schaltete Deutschland im WM-Viertelfinale von Berlin die ihnen hochüberlegenen Argentinier im Elfmeterschießen dank Jens Lehmanns Spickzettel im Stutzen aus. Hinterher kam es zum Handgemenge, bei dem Oliver Bierhoff sich zu seinem Erstaunen auch Spielern gegenüber sah, mit denen ihn aus gemeinsamen Vereinszeiten in Italien eine vermeintlich stabile Kollegialität verband. Torsten Frings, der im Post-Match-Trubel seine Hand auf einer argentinischen Wange platzierte, wurde von der FIFA fürs Halbfinale gegen Italien gesperrt.

2010 traf man sich in Südafrika erneut zum Viertelfinale, die Tonlage gab Bastian Schweinsteiger vor – mit einem Grundsatzreferat über charakterliche Mängel der Spezies argentische Fußballer: „Es geht schon vor dem Spiel los, wie sie gestikulieren und versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen. Das ist respektlos, aber die Argentinier sind so. Sie fordern Gelbe Karten, wenn sie gefoult werden, und wenn sie selbst Foul spielen, dann beschweren sie sich auch noch beim Schiedsrichter, weil der gefoulte Spieler am Boden aus ihrer Sicht doch nur simuliert.“ Die argentinischen Fans verurteilte er gleich noch mit: „Wie man hört, setzen sie sich im Stadion zusammen, obwohl sie für andere Plätze Karten haben.“ Sollen die anderen halt stehen.

Das nachfolgende Spiel gewannen die Deutschen dann 4:0, für die damals von Diego Maradona trainierten Argentinier fühlte es sich fast so an wie für Brasilien vier Jahre später das 1:7 von Belo Horizonte. Das 2014er-Finale von Rio de Janeiro ging durch das Mario-Götze-Tor in der Verlängerung an die deutsche Elf. Für die Argentinier hätte es dazu gar nicht kommen dürfen, denn in ihrer Wahrnehmung hätte der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli in der 57. Minute auf Elfmeter entscheiden müssen, als Manuel Neuer Gonzalo Higuain im Strafraum abräumte. Verschwörung, Dolchstoß!

52 Tage später siegten die Argentinier in Düsseldorf 4:2 gegen den Weltmeister, nach 50 Minuten lagen sie 4:0 vorne, das fühlte sich gut an für sie. Sie kosteten es aus, ihr Jubel war intensiv. Ungewöhnlich für ein Spiel, in dem es um nichts ging und das in der DFB-Datenbank noch immer unter „Freundschaft, 2014/15, Saison“ steht.

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