Vielleicht ist es tatsächlich nicht ganz gerecht, die Leichtathletik-WM in Doha allein an ihren Schreckensbildern zu messen. Also an den kollabierenden, apathisch im Rollstuhl kauernden oder auf Tragen abtransportierten Ausdauersportlern, oder an den oft leeren Rängen in einer Arena, in der nur höchstselten WM-Stimmung aufkommen wollte. Ohnehin kann man das klimatisierte Khalifa-Stadion als gigantische Umweltsünde betrachten. Aber immerhin – so die Gegenrede diverser Funktionäre – habe die Organisation perfekt geklappt, auch hätten sich die Katarer eifrig bemüht, gastfreundlich aufzutreten. Es ist also nicht alles schlecht gewesen beim Wettstreit in der Wüste. Aber eben doch vieles. Besser gesagt: zu vieles. Umso befremdlicher, dass Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, kaum noch aus dem Schwärmen herauskam, als er die zurückliegende WM-Woche bilanzierte.
Klar, als Mr. President seiner Sparte heißt es, sich bisweilen diplomatisch zu verhalten. Das bedeutet aber längst nicht, dass der Schönredner Coe vor der Wahrheit die Augen verschließen muss. Der Ex-Politiker verstieg sich schlussendlich sogar in die Einschätzung, Katar sei „ein tolles Land für die Leichtathletik“. Was für ein Blödsinn.
Erinnert sei hierbei daran, dass die Leichtathletik, Olympias Königsdisziplin, schlimme Jahre hinter sich hat und allein schon durch die Dopingdauerkrise schwer erschüttert worden ist. Zu allem Übel wurde die Führungsspitze um den inzwischen unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Lamine Diack als korrupte Bande entlarvt, die nicht einmal davor zurückschreckte Dopingsünder zu erpressen und ihnen Vertuschungsgelder abzuknöpfen. Nahe liegt da der Verdacht, dass Diack auch die WM an Doha verkaufte (obwohl es mit Barcelona und Eugene weitaus geeignetere Gegenkandidaten gab). Die IAAF jedenfalls präsentierte sich zwischenzeitlich nur noch als ein einziges Desaster.
Lord Coe, unmittelbarer Nachfolger des unseligen Diack, ist es immerhin gelungen, in seinen bisherigen vier Amtsjahren den Eindruck zu erwecken, er sei ein entschlossener Streiter wider den Sportbetrug und Bestechlichkeit. Doch seine so realitätsfernen Lobeshymnen auf Doha passen nun so gar nicht zum bisherigen Bild des untadeligen Krisenmanagers. Ihm ist zu dieser in vielen Momenten skandalösen WM kein einziges Wort der Kritik eingefallen. Das spricht sicher nicht für die Glaubwürdigkeit Coes und seines Verbandes.
Armin.Gibis@ovb.net