Zwischen Triumph und Tragik

von Redaktion

Mit Martin Lauer, 82, verstarb eine deutsche Leichtathletik-Legende – Karriereende nach Blutvergiftung mit 23

Doha – Er war einer der ganz Großen der deutschen Leichtathletik. Europameister, Staffel-Olympiasieger, Weltrekordler im Hürdensprint, 1960 wurde er zum Welt-Leichtathleten gewählt. Und doch hatte man bei Martin Lauer, der nun im Alter von 82 Jahren im Kreise seiner Familie gestorben ist, stets das Gefühl, dass es sich bei ihm – trotz aller Erfolge – um einen Unvollendeten handelte. Um einen, der aufgrund seines außergewöhnlichen Talents noch viel mehr hätte erreichen können. Eine Blutvergiftung beendete seine Karriere bereits mit 23 Jahren.

„Mit Martin Lauer ist eine Leichtathletik-Legende von uns gegangen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband verliert mit Martin Lauer einen großen und erfolgreichen Sportsmann, der bis zuletzt das Geschehen in der Leichtathletik verfolgt hat“, sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing in einer ersten Reaktion. Der einstige Vorzeigesportler des ASV Köln hinterlässt in Lauf an der Pegnitz seine Frau Christa, zwei Kinder und drei Enkelkinder.

Gemeinsam mit Bernd Cullmann (79), Armin Hary (82) und Walter Mahlendorf (84) holte sich Schlussläufer Lauer 1960 in Rom die Goldmedaille in Weltrekordzeit. Doch seine Sternstunde erlebt der Sprinter schon am 7. Juli 1959: Im Zürcher Letzigrund knackte er die Weltrekorde über 110 Meter (13,2 Sekunden) und 120 Yards Hürden, als Zugabe schaffte er die Bestmarke über die selten gelaufenen 200 Meter Hürden (22,5). Seine Bestmarke über 110 m Hürden sollte 14 Jahre Bestand haben.

Dabei weilte der damals 22-jährige Lauer am Vormittag noch in der Vorlesung. Der Student schwänzte die Seminare am Nachmittag, flog von München nach Zürich und eilte ins Stadion. Der Diplomingenieur im Allgemeinen Maschinenbau war 1959 als erster und bis dato einziger Deutscher Welt-Leichtathlet.

Schon als Teenager zählte Martin Lauer zu den besten und vielseitigsten Leichtathleten der Welt. Im Alter von 19 Jahren belegte er bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne über 110 Meter Hürden Platz vier und im Zehnkampf Platz fünf.

Im Olympia-Jahr 1960 bremste ihn zunächst eine hartnäckige Knochenhautentzündung im Fußgelenk; im Olympia-Finale von Rom landete er – gehandicapt von der Verletzung – über 110 Meter Hürden auf dem 4. Platz. Selbst über Staffel-Gold konnte sich der Rheinländer nicht lange freuen. Eine verunreinigte Injektionsspritze – verabreicht in einem Münchner Krankenhaus – führte zur Blutvergiftung. „Es ging um Leben und Tod“, erzählte er einmal. Nur knapp konnte eine Amputation des Beines verhindert werden. Das frühe Karriereende war jedoch unvermeidlich.

Von einem tragischen Unglück wurde auch Lauers Privatleben überschattet. Seine damalige Freundin, die ihn im Krankenhaus besucht hatte, verunglückte bei der Heimfahrt tödlich.

Lauer verlor jedoch nicht den Lebensmut, startete eine Karriere als Schlagersänger („Taxi nach Texas“), verkaufte sechs Millionen Schallplatten. Als Diplomingenieur entwickelte er sich zum Spezialisten für die Natriumkühlung von Kernreaktoren. Außerdem wirkte er an der Konzeption des ersten Mikrocomputers mit und war bei den Olympischen Spielen in München für die Einführung der elektronischen Zeitmessung verantwortlich. Martin Lauer hatte viele Talente. Und auch die Kraft und Gabe, die Nackenschläge des Lebens wegzustecken.   dpa/mm

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