Stuttgart – Ob man sich auf einem OP-Tisch tatsächlich schöne Gedanken machen kann, sei mal dahingestellt. Aber immerhin wird Marcel Nguyen, wenn seine lädierte Schulter heute unters Messer kommt, im Kopf haben, dass all die Schmerzen, all das Leid sich lohnen. Am 27. Juli 2020 werden die Kunstturner bei den Olympischen Spielen in Tokio in ihre Wettkämpfe starten – und seit dem späten Montagabend weiß man: Die deutsche Männer-Riege wird dabei sein. Für Nguyen beginnt also ab sofort der Wettlauf gegen die Zeit.
Der Termin für die Operation der Supraspinatus-Sehne wurde höchstwahrscheinlich nicht mit Absicht so gelegt, dass Gewissheit herrscht. Aber es passte trotzdem bestens. Was passiert wäre, wenn das DTB-Team in Nguyens verletzungsbedingter Abwesenheit nicht haarscharf als WM-Zwölfter die Qualifikation geschafft hätte, kann man sich ausmalen. Es ist unwahrscheinlich, dass Nguyen, der inzwischen 32 Jahre alte Olympiazweite von 2012, sich noch mal zurückgequält hätte, seine glanzvolle internationale Karriere wäre wohl vorbei gewesen. So aber soll sie noch fortgeschrieben werden. Mit der Teilnahme an den vierten Spielen.
Nguyen hatte mitgezittert, na klar, und er war am Montagabend genau so nervös gewesen wie seine aktiven Kollegen. Sie hatten sich am Sonntag zur Quali-Halbzeit auf Platz fünf geturnt, wurden am Montag aber nach und nach überholt. Rang elf vor der letzten Qualifikationsgruppe, in der neben den starken Schweizern auch die Niederländer und Rumänen an den Start gingen, war riskant. Auch weil letztlich Reck-Favorit Epke Zonderland an seinem Paradegerät stürzte, reichte es am Ende zu Platz 12. Das Teamfinale der besten acht findet heute ohne deutsche Beteiligung statt. Aber das war allen letztlich so gut wie egal.
„Auf jeden Fall war dieses Ergebnis zugleich ein Erlebnis, das man nicht unbedingt noch mal haben möchte. Wir sind froh und extrem erleichtert“, sagte Cheftrainer Andreas Hirsch und gab zu: „In dieser passiven Rolle als Zuschauer fühlt man sich nicht wohl.“ DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam sprach von einer „Achterbahnfahrt“, die er „noch nie erlebt“ habe. Am Ende hieß es: Aussteigen, durchatmen – und feiern. Das Minimalziel, mit dem Männer- und Frauenteam in Tokio dabei zu sein, ist erreicht. Was bei der Heim-WM noch folgt, ist die Kür.
Zu den ersten Gratulanten auf der Tribüne der Hanns-Martin-Schleyer-Halle gehörte Fabian Hambüchen, der seine Nachfolge-Generation minutenlang umarmte. Der Olympiasieger von 2016 ist dieser Tage in Stuttgart mit Herzblut dabei – und hat auch einen kleinen Anteil daran, dass die WM für die deutschen Fans nun noch mal richtig spannend wird. Nach Elisabeth Seitz (Mehrkampf, Stufenbarren) und Sarah Voss (Mehrkampf, Schwebebalken) stehen in Andreas Toba (Mehrkampf), Nick Klessing (Ringe) und Lukas Dauser (Barren) auch drei Männer in den Einzelfinals. Und am Erfolg des Unterhachingers Dauser hat Hambüchen einen großen Anteil.
„Er kam in der Einturnhalle noch mal zu mir und sagte: ,Lukas, du musst nicht, du kannst!’ Das hat mir den Extra-Kick gegeben“, erzählte der 26-Jährige. Nahezu perfekt war seine Darbietung, „viel besser kann ich es nicht“, sagte er nach dem Wettkampf. Kein Konkurrent erzielte im Vorkampf mehr als seine 15,033 Punkte, plötzlich scheint nach einer Vorbereitung inklusive Handbruch und Bänderriss wieder alles möglich. Dauser bezeichnet allein den Final-Einzug als „I-Tüpfelchen vom I-Tüpfelchen“. Was eine Medaille dann wäre, kann man sich ausmalen.
Am Sonntag wird auch der dann operierte Marcel Nguyen wieder WM-Zuschauer sein. Ob in der Halle oder vor dem TV, wird sich zeigen. Eigentlich hat Dausers Hachinger Kollege ja jetzt anderes zu tun.
Tokio ruft.