Zu Thomas Müller als Fußballer gibt es zwei Meinungsströme. Der eine: Das Spiel hat sich seit 2014, als Müller Weltmeister wurde, von ihm wegentwickelt, es gehört jetzt den 20-jährigen Sprintmaschinen aus anderen Ländern. Man kann jedoch auch pro Müller argumentieren: Wenn der DFB die Bolzplatzmentalität wieder aufleben lassen will, hat er in Müller den besten Botschafter. So unorthodox, wie er ist, sollen die Nationalspieler der Zukunft sein. Auch in mittlerweile höherem Alter ist Müller kein Auslaufmodell. Er kann noch immer viele Mannschaften schmücken.
Auch die des FC Bayern? Vor ein paar Jahren war die Frage, ob sein Club ihm noch genügen würde. Er hätte wechseln können und eine Ablöse in dreistelliger Millionenhöhe eingebracht – doch man wollte einfach nicht auseinander. Nun lautet die Frage anders: Ob der FC Bayern glaubt, dass Müller ihm noch genügt. Und es in absehbarer Zeit zur Trennung kommen wird.
Bei der Verbundenheit, die Müller zum FC Bayern immer gezeigt und weil er sein Leben rund um den Verein gebaut hat, wie es ein gut bezahlter Angestellter tut, der sich der Zukunft (in) seiner Firma sicher sein kann, ist das eigentlich unvorstellbar. Denn es muss den Bayern bewusst sein, dass Thomas Müller mehr ist als ein ganz guter Spieler, mit dem man viele Positionen in der Offensive besetzen kann. Müller ist der letzte mit einer Geschichte, wie sie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Holger Badstuber hatten, er ist kein Zugekaufter, er hatte nie die geschäftsmäßige Kälte eines Toni Kroos. Zu Thomas Müller muss man sich ein großes Bayern-Herz denken. Plus: Er ist ein 1a-Öffentlichkeitsarbeiter, er beherrscht Ironie und hat die Lässigkeit, die in diesem verkrampften Fußball-Business ein seltener Segen ist.
Müller die Identifikation mit dem FC Bayern auszutreiben, womöglich nur um dem Trainer das Leben leichter zu machen, wäre ein nie gutzumachender Wahnsinn. In Frage stellen sollte man das Geschick von Niko Kovac für seinen Satz über Müller: „Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen.“ Wer so etwas sagt, muss im Psychologie-Block der Fußballlehrerausbildung gefehlt haben und kein Gespür dafür haben, was man mit Sprache anrichten kann. Müller ist für immer, Kovac ist eine Episode.
Guenter.Klein@ovb.net