Schöne Halbzeit – wacklige Halbzeit

von Redaktion

2:2 gegen Argentinien: Die deutsche Not-Elf hält ihr Spiel nicht durch

VON GUNTRAM TELEMANN

Dortmund – Länderspielsiege gegen Argentinien sind eine Rarität – und sie bleiben es. Lange durfte die völlig unerfahrene deutsche Mannschaft auf diesen Prestige-Coup hoffen, doch sie konnte ihren 2:0-Vorsprung nicht über die Zeit bringen.

Was war gejammert worden im Vorfeld dieser Partie. Es fiel das Wort von der „Not-Elf“, die auf dem Platz stehen würde, und nach den Absagen der vergangenen Tage war am Morgen auch noch Verteidiger Jonathan Tah mit grippalem Infekt abgereist. Joachim Löw wirkte wenig erfreut, weil er nur mit Telefonieren beschäftigt gewesen war, um einen Kader zusammenzubekommen. Robin Koch aus Freiburg traf erst am Dienstag im Quartier in Dortmund ein und wurde, weil sonst keiner mehr da war, gleich Nationalspieler. Sein Freiburger Teamkollege Luca Waldschmidt lief erstmals im Sturm auf. Auch er trotz seines tollen U 21-Sommers ein noch nicht allen bekannter Name. Der RTL-Sender Nitro hatte ihn in einer Zusammenfassung eines Interviews mit DFB-Direktor Liver Bierhoff Ballschmidt getauft.

Diese, nun gut, „Not-Elf“, die eine Trainingseinheit hinter sich hatte, fand einen Konsens, wie dieses Spiel gegen die aber auch eher unprominent besetzten Argentinier anzugehen sei: auf Ball-eroberungen setzen, dann den Gang einlegen, das Pedal durchdrücken, ausschwärmen, den Strafraum der Gauchos fluten. Die Mannschaft, die fast so jung war wie jene, die Joachim Löw vor zweieinhalb Jahren beim Confederations Cup in Russland hatte, verstörte die Südamerikaner mit ihrer Direktheit, ihrer Entschlossenheit.

Und so kam es zu den beiden Toren des ersten Durchgangs. In der 15. Minute schnappte sich der rechte Verteidiger Lukas Klostermann den Ball vom Argentinier Correa und riss die Abwehr auf. Vollendung dann durch Bayerns Serge Gnabry, der seine Hoffenheim- gegen die Tottenham-Form eingetauscht hatte, sich Gerd-Müller-artig gegen eine Traube aus drei Abwehrspielern durchsetzte und den Ball an Torwart Marchesin vorbeispitzelte. 1:0.

Sieben Minuten später die nächste erfolgreiche Turbo-Aktion. Wieder mit Serge Gnabry und Klostermann und am Ende der Verwertungskette dann Kai Havertz zum 2:0. Beteiligt auch Debütant Waldschmidt, der Rojo den Ball abgeluchst hatte. Nach 22 Minuten wirkte Argentinien ziemlich hergespielt und ratlos. Und hatte Mühe, selbst offensive Aktionen zu entwickeln. De Paul gelang in der 33. Minute dann ein Distanzkracher an den Pfosten – außerhalb der Reichweite von DFB-Keeper ter Stegen –, doch zwei Minuten zuvor hatte Deutschland auch einen Lattentreffer gehabt, bei einem Freistoß von Marcel Halstenberg. Im Westfalenstadion, das so schlecht besucht war, dass auf dem Oberrang der Gegentribüne der Schriftzug „Borussia“ zu lesen war, brandete zur Halbzeit Applaus auf.

Löw setzte seinen Debütantenball fort. In der 67. Minute brachte er Nadiem Amiri ins Spiel, auch einen aus der U 21-Vizeeuropameister-Generation. Kurt danach war Suat Serdar dran, Neuling Nummer vier und ein weiterer Nachnominierter. Es fiel den Deutschen in der zweiten Halbzeit aber schon vor den Wechseln schwer, ihr Spiel so aufzuziehen wie in der ersten. Argentinien war nun sorgsamer, die beiden Spieler, die vor den Toren die Bälle verloren hatten, waren ersetzt worden.

Und selbstverständlich konnte die Defensive der Deutschen nicht jeder argentinischen Aktion mit einer Lösung gegenübertreten. Robin Koch war sich in der 66. Minute für einen Moment sicher, zu welchem Gegenspieler er sich bei der Flanke von Acuna orientieren sollte und stand letztlich zwischen den beiden Angreifern. Alario, der Leverkusener, hatte Raum und Zeit, einen unhaltbaren Kopfball anzusetzen – nur noch 2:1 für die Not-Elf.

Die Albiceleste erhöhten den Druck, die jungen Deutschen gerieten ins Schwimmen, und Serdar leitete mit einer Fehlaktion im Aufbauspiel den argentinischen Angriff ein, den Ocampos (auch er ein Debütant) mit Direktabnahme ins deutsche Tor setzte. Ein Traum von einem Schuss. 2:2 – nach einem 2:0 ein wenig schade.

Das wichtigere Spiel ist aber eh am Samstag in Estland. Dann geht es um Punkte und die EM-Qualifikation.

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