War die Lage dramatisch?

Jogi und die Formen der Not

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Wenn man sich mit Abstand die Texte zum Fußballspiel Deutschland – Argentinien noch einmal durchliest – das klingt ja alles sehr dramatisch. Ein Wort springt einem immer wieder entgegen: Not-Elf.

Das ist natürlich heillos übertrieben. Weil es im Profifußball keine echte Not gibt, wie man sie vielleicht aus Zeiten kennt, als Mädchen auf den Namen Notburga getauft wurden und die Menschen einen Notgroschen aufbewahrten, weil man nicht wusste, was kommt (wobei: Man weiß es heute auch nicht immer).

Klar kann man sagen: In der Not frisst der Teufel Fliegen, und zur Not stellt Jogi Löw am Mittwoch halt Leute auf, deren Telefonnummer er am Sonntag noch nicht hatte oder von deren Existenz er erst am Montag aus dem Notebook seines Assistenten Marcus Sorg erfuhr. Eine echte Not wäre aus Löws Sicht erst eingetreten, wenn er Mats Hummels hätte berufen müssen, bevor nur eine Zehn (sie wäre tatsächlich eine Not-Elf) übrig geblieben wäre. So konnte er bei seinem Motto für die Besetzung der Innenverteidigung bleiben: Anyone – but not Mats. Wenn Jogi mal jemanden aussortiert hat, war es das. Da ist der Bundestrainer not-orisch stur. Der DFB ist ein Haus mit Notausgängen, doch die Türen sind von außen nicht zu öffnen. Es gibt keine Noteingänge.

Voriges Jahr hatte der Verband zweimal die Chance, in Sachen Joachim Löw die Notbremse zu ziehen. Sowohl nach der WM als auch nach dem Flop in der Nations League hat er darauf verzichtet – wahrscheinlich, weil er durch eine zu zahlende Abfindung in finanzielle Not geraten wäre. Löw wäre beim Vertragsauflösungstermin beim Not-ar wohl sehr zufrieden gewesen. Gut, er ist im Amt geblieben, und bei aller Skepsis, die ihm gegenüber erwachsen ist, fühlt sich das manchmal sogar richtig an – wie in der ersten Halbzeit gegen Argentinien. Ein Trainerwechsel ist not-abene auch nicht immer not-wendig. Natürlich kann das Urteil schnell wieder anders ausfallen, wenn wir am Sonntag aus Estland ein Spiel Not gegen Elend zu sehen bekommen.

Das Wörtchen Not – dies sei abschließend bemerkt – ist im Fußball derzeit angesagt. Bayern-Trainer Niko Kovac sagte erst vor ein paar Tagen, dass Thomas Müller nur spiele, wenn Not am Mann sei. Erst jetzt fällt uns auf, welche geniale Antwort Müller darauf gegeben hat. Er habe „not-hing to say“.

Guenter.Klein@ovb.net

Artikel 1 von 11