Andreas Straßner hat gestern den München Marathon gewonnen. Er hat für die 42,195 km um die 29 Minuten länger gebraucht als am Tag zuvor Eliud Kipchoge in Wien. Aber gut: Straßner ist 40 und kein Vollprofi wie der Kenianer, der Kurs in München eckiger als die Piste im Prater, und hochrangige Tempomacher gab es bei dem breitensportlich orientierten Lauf in Bayern auch nicht. Straßner hat das Event „1:59“ natürlich interessiert mitverfolgt, er sagt dazu: „Ich finde es ein wenig schade, dass man es erzwingen muss, dass die Schallmauer fällt. Ich hätte es besser gefunden, wenn es in einem normalen Rennen passiert.“
Das ist eine sachliche Kritik an dem Sub-2-Projekt – und vor allem ist es die einzige, die man üben kann. Vor der sportlichen Leistung muss man sich verneigen. Denn die ist phantastisch. Und man kann sie nicht zerreden mit einem bösen Begriff wie „Laborbedingungen“, unter denen der Lauf stattfand. Ein Labor ist steril, klinisch rein – ein Marathon indes eine gewaltige Anstrengung, wie sie nur wenige auch bei halbem Kipchoge-Tempo jemals hinter sich bringen. Den Mount Everest des kleinen Mannes nennt man ihn, das ist gut getroffen. Selbst Trabtempo wird zur Herausforderung, wenn irgendwann nach km 30 der Körper leer ist. Wer es nie erfahren hat, kann es nicht beurteilen. Für einen Marathon muss man Monate trainieren oder sich über Jahre aufbauen. Und dann erst dieser Sport in der Spitze: Kein abwartender Dauerlauf mehr im aeroben Bereich, sondern ein durchgehender Sprint.
Für die Fachwelt war bei diesem erfolgreichen Versuch Kipchoges interessant zu erfahren, was es ausmacht, wenn man Faktoren ausschaltet, die man als störend empfinden könnte: Steigungen, Zeitverlust bei der Verpflegungsaufnahme, der Energie-Mehraufwand, wenn man selbst das Tempo machen muss, die Kurven, die eventuell extra abseits der Ideallinie gelaufenen Meter, die Temperatur, der Wind. Irgendwas ist ja immer. Bei Kipchoge beträgt der Unterschied zwischen seiner vorjährigen Weltrekordzeit in Berlin und der jetzigen Veranstaltung zwei Minuten. Eigentlich überschaubar.
Das ist etwas desillusionierend für die normalen Marathonläufer, denen immer etwas weh tut und die sich im Ziel die Zeit in ein privates Netto schönrechnen. Auch ihnen muss nun klar sein: So wild ist es nicht.
Guenter.Klein@ovb.net