München – Schokolade und Bier, das wird es in den Katakomben der Hanns-Martin-Schleyer gegeben haben. Und trotzdem kann man davon ausgehen, dass das selbstverordnete seelische Aufbau-Menü Lukas Dauser auch nicht glücklich gemacht hat. Zu tief saß der Frust gestern Nachmittag, als der Unterhachinger Turner die große WM-Bühne in Stuttgart mit Tränen in den Augen und nach unten hängenden Schultern verlassen hatte. Der Champagner als Belohnung für eine gelungene Übung und womöglich sogar eine Medaille am Barren stand kalt. Ein Absteiger, mehr als ein Punkt Abzug und Rang acht aber brachten Dauser in alles andere als Schampus-Laune.
„Es fühlt sich wie ein ziemlich heftiger Schlag an“, sagte der 26-Jährige nach dem Endkampf an seinem Paradegerät und gab zu: „Gerade bin ich einfach nur sauer auf mich und bedient.“ Selten hat man Dauser, den Gute-Laune-Mann und Anheizer im deutschen Team, so frustriert gesehen wie nach diesem Fehler, der vermeidbar gewesen wäre. Als Vorkampfbester war ihm alles gelungen, diesmal verlor er beim „Makuts“ das Gleichgewicht und stürzte ab. „Die Tür war offen“, sagte Bundestrainer Andreas Hirsch und versuchte gleichzeitig, seinen wichtigsten Mann aufzubauen: „Das ist total ärgerlich, aber kein Drama. Denn es geht für uns alle nach Tokio.“
Mit diesen Worten gab der Chef der deutschen Herren gleichzeitig ein Resümee für die gesamte WM, die mit Dausers achtem Platz und den Titeln vier und fünf (Schwebebalken und Boden) für Überfliegerin Simone Biles aus den USA gestern zu Ende gingen. Zwar hatten die deutschen Finalstarter an den letzten beiden WM-Tagen keine gute Figur abgegeben – Mit-Favoritin Elisabeth Seitz stürzte vom Stufenbarren (8.), die Außenseiter Sarah Voss (Schwebebalken) und Nick Klessing (Ringe) wurden Siebte und Achter. Und trotzdem blickt der DTB zufrieden auf die medaillenlosen Heimspiele. Auf das Drumherum sowie, 102 000 Besucher wurden an den Wettkampftagen in der Schleyer-Halle gezählt, gestern saß sogar IOC-Präsident Thomas Bach im Publikum. Aber auch auf die sportlichen Leistungen der DTB-Riegen, die sich nicht nur für die Olympischen Spiele qualifizierten, sondern mit sieben Finalplätzen auch ihr Potenzial aufblitzen ließen.
Hirsch blickte daher bereits nach vorne und sagte: „Wir sollten uns in die Startlöcher begeben und loslegen.“ In Tokio, da ist sich der Bundestrainer sicher, „werden wir eine gute Nummer abgeben können“. Bis dahin soll nicht nur Marcel Nguyen wieder dabei, sondern auch Dauser wieder ganz fit sein. In Stuttgart ging der EM-Zweite von 2017 mit Tape-Verband und Schmerztabletten an den Start. Auch wenn der Absteiger „daran nicht gelegen“ habe, kann er in bester physischer Verfassung noch deutlich besser turnen. Eine Hand-OP und ein Bänderanriss im Fuß haben eine optimale Vorbereitung nicht ermöglicht, deshalb ging sogar der enttäuschte Dauser selbst noch in der Stunde der Niederlage davon aus, „dass in ein, zwei Tagen der Stolz überwiegen wird“. Darauf, mit einer nahezu perfekten Übung die Olympia-Qualifikation für das Team ermöglicht zu haben. Und darauf, zu den besten Barren-Turnern der Welt zu gehören.
Seitz war es gleich gelungen, die Enttäuschung beiseite zu schieben. „Die ist fehl am Platz, das wäre auch unfair gegenüber meinen Leistungen“, sagte die 25-Jährige nach ihrem Absteiger vom Stufenbarren. Dabei wäre es ihr durchaus zuzutrauen gewesen, nach 2017 die zweite Einzel-Medaille ihrer Karriere zu gewinnen – und ein Mal vor der überragenden Biles zu liegen. Der US-Star wurde am Barren tatsächlich „nur“ Fünfte. Alle anderen Finals gewann sie. Grund für echte Schampus-Laune.