Tallinn – Bei Spielen gegen Fußball-Zwerge geht es gerne um Rekorde, vor allem, wenn der letzte Vergleich 8:0 ausgegangen ist. Da werden Statistiken ausgekramt, höchste Siege wie ein 16:0 gegen Russland (1912) oder ein 13:0 gegen San Marino (2006). Am Ende des gestrigen Abends aber brauchte man all das nicht. Viel interessanter war beim 3:0 (0:0) der deutschen Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation gegen Estland eine andere Marke: Die Rote Karte, die Emre Can in der 14. Minute sah, war die schnellste der deutschen Länderspielgeschichte.
Ruhmreich war das freilich nicht, und überhaupt wird auch die Partie, nicht als Sternstunde der DFB-Elf in die Geschichte eingehen. Denn was die Jungs von Joachim Löw vor 12 062 Zuschauern in Tallinn boten, war lange Zeit uninspiriert, wenig präzise und von leichten Ballverlusten geprägt. Beim 8:0 im Juni hatte es zur Halbzeit 5:0 gestanden, gestern fiel in Halbzeit eins kein Tor. Erst danach, als Ilkay Gündogan gleich zwei Mal traf (51./57.), war der Bann gebrochen. Ein weiteres Tor des eingewechselten Timo Werner (71.) machte den fünften Sieg im sechsten Quali-Spiel perfekt – das DFB-Team bleibt Zweiter der Gruppe C.
„Seriosität“ war das Schlagwort, das von Joachim Löw vor der Partie in die Mikrofone diktiert worden war. Der Bundestrainer ist lange genug dabei, um zu wissen, dass a) die falsche Einstellung auch gegen kleine Mannschaften gefährlich sein kann, und b) sein Team noch nicht da ist, wo er es haben will. Der Ausfall von Serge Gnabry (muskuläre Probleme) schwächte die Mannschaft, in der aber immerhin die Rückkehrer Ilkay Gündogan und Marco Reus standen, die beim 2:2 gegen Argentinien noch gefehlt hatten. Sie reihten sich ins Mittelfeld um Julian Brand, Kai Havertz und Luca Waldschmidt (offensiv) sowie Joshua Kimmich (defensiv) ein. Und waren erst mal nicht gut im Spiel.
Für die erste Chance der deutschen Mannschaft hatte noch Can gesorgt, der eine Flanke von Kimmich knapp neben den rechten Pfosten setzte (4.). Zu hohe und wenig genaue Flanken von den beiden Leipziger Außenverteidigern Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann fanden keine Abnehmer, durch die Mitte ging wenig. Schüsse von Gündogan (13.), Waldschmidt (25.) und Kimmich (27.) brachten kaum Gefahr. Überhaupt fand das DFB-Team keine Lösungen gegen tief stehende Esten und wirkte nach der Roten Karte für Can nicht nur umgestellt (Kimmich ließ sich neben Süle nach hinten fallen), sondern auch neben der Spur.
Der Platzverweis war gerechtfertigt, weil der Italien-Legionär nach einem Zuspiel von Süle den heraneilenden Liivak mit einer Grätsche vom Ball trennte, die nicht dem Spielgerät gedient hatte. Er schlich mit hängendem Kopf vom Feld, während die Esten plötzlich Lust am Spiel hatten. Neben einem Freistoß-Lattenkracher von Reus (40.) hatten die Gastgeber vor dem Seitenwechsel durch Mets und Vassiljev die besten Möglichkeiten, Manuel Neuer war nicht langweilig.
Immerhin kam nach dem Seitenwechsel das Glück ins Spiel, beide Gündogan-Tore waren abgefälscht, das erste von Reus, das zweite von Mets. Egal, sie waren notwendig, um Sicherheit zu kriegen und bei Kontern nicht nervös zu werden. Nach Werners Weiterverarbeitung einer Gündogan-Flanke war alles klar. Brandt hatte noch Chancen zu erhöhen, aber es blieb beim 3:0. In Estland. Absolut kein Rekordsieg.