Der Kreuzband-Künstler

von Redaktion

Verletzte Sportstars aus aller Welt setzen auf die heilenden Hände von Christian Fink aus Innsbruck

VON DANIEL MÜKSCH

Innsbruck – Die letzten Tage haben Christian Fink zugesetzt. Ein Magen-Darm-Virus setzte den Chirurgen außer Gefecht. Sein Pech ist des Reporters Glück. Nur so findet der Wahltiroler Zeit für ein Gespräch ohne Zeitdruck und Termine im Nacken. Beim Gesundheitstee im Gramarthof. Auf der Hungerburg über Innsbruck. Nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt. Doch ganz zur Ruhe kommt Fink selbst in dieser Bergidylle nicht. Sogar im Krankenstand trudeln permanent Nachrichten seiner Patienten auf dem Smartphone ein.

Denn der Mediziner ist ein weltweit gefragter Mann. Die komplette Liste seiner prominenten Patienten könnte allein den Platz für diesen Artikel füllen. Daher nur eine kleine Auswahl: Felix Neureuther, Lindsey Vonn, Aksel Lund Svindal, Leroy Sané, Giorgio Chiellini, Corentin Tolisso oder Lucas Hernández – sie alle vertrauen seinen Händen. Was vor einigen Jahren noch Dr. Steadman in Vail/Colorado war, ist heute Christian Fink in Innsbruck. So aufregend seine Patientenmischung klingt, der Vielbeschäftigte sieht es nüchtern: „Kreuzband bleibt Kreuzband. Während der Operation macht es keinen Unterschied, ob ein Kreuzband eines Top-Athleten oder eines Otto-Normalverbrauchers auf dem Operationstisch liegt“, erklärt er.

Wobei der Sommer 2019 selbst für ihn aufregend war: Der gebürtige Oberösterreicher entspannt mit der Familie gerade im Portugal-Urlaub. Da erreichen ihn Text-Nachrichten aus Deutschland: Der deutsche Nationalspieler und Bayern-Wunschobjekt Leroy Sané hat sich das Kreuzband gerissen und soll schnellstmöglich behandelt werden. Wenig später bricht er seinen Familienurlaub vorzeitig ab. In seiner Praxis „Gelenkpunkt“ gegenüber dem Eisstadion an der Olympiastraße präsentiert der Kniespezialist dem Ex-Schalker nach eingehender Untersuchung seinen Vorschlag. Und der Stürmer entscheidet sich – gegen den Ratschlag seines Vereins-Trainers Pep Guardiola – nicht für eine Operation in Barcelona bei Prof. Ramon Cuga, sondern für die Therapie in Tirol.. „Wenn man hört, welche Summen für solche Spieler bezahlt werden, muss man schon mal kurz schlucken. Der Fußball ist noch mal eine ganz andere Welt als das Skifahren. Die OP selbst ist dann aber Alltag“, sagt Fink. Doch ganz normaler Alltag ist die Sané-OP auch wieder nicht.

Teamärzte und auch der Physiotherapeut von Manchester City schauen ihm über die Schulter. „Damit kann ich mittlerweile gut umgehen. Ich habe bereits viele Live-Operationen auf Kongressen vor hunderten Kollegen durchgeführt. Das war deshalb keine neue Situation für mich“, kommentiert Fink den Begleitservice aus England. Seitdem ist er in ständigem Kontakt mit dem 22-Jährigen und attestiert ihm einen bis dato hervorragenden Reha-Verlauf. Das wird man an der Säbener Straße gerne lesen.

Warum vertrauen ihm so viele Sportler? „Das müssen sie die Sportler fragen“, schmunzelt Fink, der im Jahr zwischen 150 und 200 Kreuzbänder operiert. „Ich verfolge einen ganzheitlichen Ansatz. Die Betreuung hört nicht hinter dem OP-Saal auf. Mein Team und ich sind für unsere Patienten immer zu erreichen. Wir sprechen mit den Therapeuten und Teamärzten vor Ort und manchen auch regelmäßige Nachkontrollen.“ Im Leistungssport weiß der dreifache Familienvater, wovon er spricht. Fink war ein ambitionierter Skiläufer und Triathlet. Als er jedoch erkennt, dass es für die große Profikarriere nicht reicht, widmet er sich vollends der Sportmedizin, bleibt seiner Passion auf diese Weise erhalten. Und Abertausende Kreuzbänder danken es ihm.

Sein Kontakt zum FC Bayern entsteht über Teamarzt Dr. Müller-Wohlfahrt. Beide Ärzte haben zwar einige gemeinsame Patienten – wie etwa Felix Neureuther – man kennt sich sonst aber nicht näher. Bis eines Tages das Handy von Christian Fink klingelt: „Hallo, hier spricht Müller-Wohlfahrt. Ich beobachte ihre Arbeit“, stellt sich der Anrufer vor. „Da war ich schon erst mal sprachlos. Aber schnell war klar, dass er es positiv meint und gerne mit mir enger zusammenarbeiten würde“, so Fink. Sein erster großer Bayern-Fall ist Corentin Tolisso. Gefolgt von Lucas Hernández, eine heikle Angelegenheit: Den Weltmeister verpflichtete der Rekordmeister trotz schwerer Innenbandverletzung. Die Aufgabe des Innsbruckers ist es, das Knie des 80-Millionen-Transfers wieder auf maximale Belastungen vorzubereiten. „In diesem Fall war der Druck immens. Egal warum ein Sportler nach einem Eingriff nicht mehr fit wird – am Ende heißt es: Der Operateur ist schuld“, sagt Fink und ergänzt: „Danach habe ich einige Kollegen, die öffentlich kundgetan haben, man müsse so eine Verletzung nicht operieren, angerufen und gefragt, wie sie zu so einer Meinung kommen. Ohne den Patienten oder die Röntgenbilder jemals gesehen zu haben.“

Seine Arbeit mit Athleten beschreibt er als Balanceakt zwischen sportlicher Leistung und Gesundheit – mit einem schwer berechenbaren Gegner: Belastungsspitzen im Hochleistungssport. „Natürlich bräuchten die Spieler oft mehr Pausen, damit sich der Körper besser erholt. Der Druck im Spitzensport ist heute einfach enorm. Aber das beginnt ja schon bei motivierten Hobbyläufern. Ein Marathonlauf per se ist mit Sicherheit nicht gut für die Gelenke. Aber die Disziplin in der Vorbereitung, der notwendige gesunde Lebenswandel, das strukturierte Training sowie das Erlebnis können für die Körper und Psyche sehr belebend sein. Daher würde ich niemandem abraten, einen Marathon zu laufen.“

Und plant er bei seinem Weltruf eine Expansion oder eine Standortverlagerung? „Auf keinen Fall. Ich gehöre nach Innsbruck“, sagt er mit Nachdruck. „Das optimale Ergebnis kann ich nur mit meinem Team in meinem gewohnten Umfeld erreichen.“ Verletzte Sportstars aus aller Welt werden weiter nach Innsbruck reisen. Zu Professor Dr. Christian Fink, dem Kreuzband-Künstler. Um danach wieder zu Höchstleistungen fähig zu sein.

Artikel 1 von 11