ZWISCHENTÖNE

Praxis-Problem

von Redaktion

Müssen wir uns Sorgen machen? Schon ein bisschen, sagt Oliver Bierhoff, wenn nun nicht alle wirklich an einem Strang ziehen, DFB, Landesverbände und die DFL mit ihren Profivereinen, wenn wir nicht bereit sind, gewohnte Pfade zu verlassen, dann, ja dann könnte ein WM-Debakel wie 2018 in Russland durchaus kein einmaliger Ausrutscher bleiben. Weil aber Bierhoff ein Mann mit Visionen ist, hat er ja längst Vorkehrungen getroffen, ein „Projekt Zukunft“ angestoßen, damit der deutsche Fußball auch in zehn, 15 Jahren Weltspitze ist. Also Entwarnung, der DFB-Direktor Bierhoff hat alles im Griff, von der Spitze bis zur Basis will er Dinge verändern.

So hat er schon Wege entdeckt, wie in den Nachwuchsleistungszentren Talente aus der Komfortzone geholt werden, wie sie auch ohne den längst ausgestorbenen Straßenfußball wieder eine Bolzplatzmentalität entwickeln, wie sie widerstands- und durchsetzungsfähiger, wie sie zu „Typen“ werden. Und reichlich Spielpraxis im professionellen Fußball sollen die, die nicht sofort den Sprung in die Bundesligen schaffen, in der 3. Liga sammeln. Klingt klug und durchdacht. In der Theorie.

Wäre nur die Praxis in der 3. Liga nicht ganz so düster, dass die Vereine als einzige Überlebenschance den Aufstieg sähen, koste es, was es wolle. Und dabei sind erfahrene Spieler halt ein bisschen hilfreicher als talentierte Nachwuchskräfte. Bierhoff könnte sich sogar eine zwei- oder dreigeteilte 3. Liga vorstellen, um die Einsatzmöglichkeiten für junge Spieler noch zu erhöhen.

Aber zielt nicht gerade das an der Realität vorbei? Wenn künftig die in der Drittklassigkeit ohnehin äußerst dürftigen TV- und Sponsorengelder unter doppelt oder dreimal so vielen Vereinen aufgeteilt werden müssten, wäre der Zwang noch höher, möglichst schnell aufzusteigen. Das System der 3. Liga, sagt nicht nur Manni Schwabl in Unterhaching, sei todkrank, eine Ausbildungsliga sollte sie sein, aber es kommen viel zu wenige Talente zum Einsatz, weil hier ums nackte Überleben gekämpft wird. Im letzten Jahr wurden 13 Trainer entlassen, in dieser noch jungen Saison schon fünf, das zeigt, unter welch irrsinnigem Druck die Clubs stehen.

Ausbildungsliga? Könnte sie schon sein, wenn die DFL und die Proficlubs sie wirklich so sehen und entsprechend handeln würden. Wenn sie bereit wären, nur ein paar Prozent ihrer fetten Einnahmen statt in sündteure Stars in die Ausbildung von Talenten in der 3. Liga zu stecken. So aber gibt man den Drittligisten nur vor, vier Spieler unter 23 auf den Spielbericht zu setzen, es müssten, um dem Anspruch gerecht zu werden, wesentlich mehr sein. Wer aber tut das freiwillig, wenn die einzige Chance, solide wirtschaften zu können, der Aufstieg zu deutlich mehr Fernsehgeld in Liga zwei ist?

Dabei wäre es so schwer nicht: Die SpVgg Unterhaching hat schon vor Jahren dem DFB ein Konzept vorgelegt, nach dem jede Spielminute eines Nachwuchsspielers honoriert wird, aus einem Fördertopf, den DFB und DFL aus den explodierenden TV-Einnahmen bereitstellen könnten. Jedem bliebe dann selbst überlassen, für welchen Weg er sich entscheidet, Talentförderung auf einer solideren finanziellen Basis oder schneller Erfolg mit erfahrenen Kräften, aber auch extrem hohem Risiko.

So übrigens macht es Österreich schon länger. In Bierhoffs „Projekt Zukunft“ aber geht es erst einmal um Erfahrungen, wie Leadership und modernes Management funktionieren, welche Trends und Technologien es gibt, wie Digitalisierung den Fußball verändern kann. Dafür reisen nun 16 Sportdirektoren in die USA. Das nennt man dann Weitblick. Dabei würde es gar nicht schaden, nur mal kurz über die Grenze zu schauen, zum oft (zu Unrecht) belächelten Nachbarn.

Von Reinhard Hübner

Oliver Bierhoff hat eine Vision für den deutschen Fußball. Sein „Projekt Zukunft“ klingt klug und durchdacht – in der Theorie.

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