Vampire auf dem Parkett

von Redaktion

BASKETBALL Schlafmangel in der NBA wird zum Gesundheitsproblem

VON ANDREAS MAYR

Orlando – Bislang hieß es immer: Die NBA – die beste Basketballliga der Welt – spielt zu viel. 82 Duelle für jeden Club. Im Schnitt alle 2,07 Tage eines. Dieser Spielplan zerstört die Sportler, zerstückelt ihre Körper wie ein Foltergerät, bis am Ende nur Invaliden übrig bleiben. Nun präsentiert der Psychologe Timothy Royer sein neuestes Zahlenwerk. Ein Fundstück, das „das dreckige Geheimnis, das jeder kennt“ lüftet, wie ein hochrangiger Manager anonym sagt: Die weltbesten Basketballer spielen womöglich nicht zu oft, sie reisen nur zu viel – und schlafen viel zu wenig.

In einem Bus voll von schnarchenden Millionären, alle übernatürliche Athleten, stieß Royer auf die Epidemie, die eine Liga befallen hat. Das war 2012 weit nach Mitternacht in Houston, Texas. Seitdem hat der Wissenschaftler, der zu dieser Zeit bei den Orlando Magic angestellt war, Daten von über 100 Basketballern gesammelt. Seine Ergebnisse alarmieren eine Woche vor dem Start der Saison 2019/20 am Dienstag die Liga. Royers Kernaussage: Schlafmangel sorgt für Verletzungen – und verkürzt das Leben der Sportler. Acht bis zehn Stunden Schlaf pro Tag empfehlen die Experten. Im Schnitt, das haben Royers Studien ergeben, pendelt sich die Zahl unter NBA-Profis bei sechs ein. An manchen Tagen schlafen sie nur drei oder vier Stunden.

Dr. Eve Van Cauter, Schlafwissenschaftlerin aus Chicago, erklärt, dass Schlafmangel die Leistungsfähigkeit der Sportler angreift. Ihre Hand-Auge-Koordination wird beeinträchtigt, die Aufmerksamkeitsspanne nimmt ab. Kollege Phyllis Zee von der Northwestern University sieht ein erhöhtes Risiko für Krebs, Diabetes, Herzinfarkt und Alzheimer. Er betont: „Chronischer Schlafverlust ist wie Schläge in unsere Organe.“

Nach seinem Verdachtsmoment in Houston begann Royer die Profis zu untersuchen. Er stellte fest, mit welch mörderischer Geschwindigkeit das Testosteron-Level im NBA-Alltag sinkt. Im Januar, drei Monate nach Saisonstart, erreichten die Basketballer Werte eines 50-jährigen Mannes. Das Hormon beeinflusst wesentlich Geschwindigkeit, Stärke, Muskelmasse und Laune der Sportler. Jahre später betrachtete der Psychologe auch die Gehirnwellen der NBA-Stars – mit ähnlich erschütternden Befunden. Kollektiv sahen ihre Schaltzentralen aus wie die von Senioren mit Ende 60, Anfang 70. Inklusive gestörtem Kurzzeit-Gedächtnis. Randnotiz: ein kurzfristiger Zustand, der sich mit ausreichend Schlaf beheben lässt. Royer testete auch die Angestellten der Orlando Magic, wie Trainer und Physiotherapeuten. Die Ergebnisse glichen sich.

Was die NBA ihren Mitarbeitern zumutet, sei Schichtarbeit in einer Weise, wie sie „keine Firma dieses Planeten“ verlangt, kritisiert Royer. Sie schickt die Schichtarbeiter gelegentlich durch drei Zeitzonen, karrt sie nachts in die entlegensten Winkel der USA, zwingt sie, 50 000 Meilen pro Saison zu fliegen (20 000 mehr als die Football-Stars) und 13 Mal an zwei Tagen hintereinander anzutreten. Ein Team-Manager, der seinen Namen nicht öffentlich nennen will, sagt: „Wir haben eine riesige Population an Vampiren.“

Tobias Harris, Flügelspieler beim Meisterschaftskandidaten Philadelphia 76ers, glaubt sogar, dass Schlafmangel bald ein ähnlich diskutiertes Thema sein wird wie Gehirnerschütterungen im Football. Die klugen Köpfe unter den NBA-Profis regulieren das Problem längst auf ihre Weise. Harris gilt als der Extremste unter seinesgleichen. Nach jeder Partie schnallt er sich einen Atemgürtel um, misst seinen Herzschlag, gleicht mit Übungen den verdrehten Melatonin-Haushalt (das Schlaf-Hormon) aus. Seine Kollegen sagen über Harris, er rede über nichts anderes als Schlafmangel. An spielfreien Tagen legt er sich bereits um 20.30 Uhr ins Bett.

Superstar LeBron James lässt seine Hotelzimmer auf exakt 21 Grad kühlen, schaltet alle elektronischen Geräte 30 Minuten vor dem Schlafengehen aus und spielt nachts Geräusche von Regen oder fallenden Blättern ab. Die Liga reagiert vorerst mit kleinen Zugeständnissen: Sie plant in dieser Spielzeit mehr Ruhetage ein, reduziert die Anzahl der Spiele an aufeinanderfolgenden Abenden und setzt weniger Partien um 22.30 Uhr an. Trotzdem sagt eine Quelle aus dem Ligabüro dem Portal ESPN: „Schlafmangel ist unser größtes Problem ohne Lösung.“

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