Der Domino-Effekt

von Redaktion

Der Kreuzbandriss von Abwehrchef Niklas Süle legt die Versäumnisse des FC Bayern offen

VON DANIEL MÜKSCH

München – Serge Gnabry und Robert Lewandowski. Diese beiden Namen fallen, wenn die Frage nach unersetzbaren Bayern-Spieler aufkommt. Dabei ist das Duo eigentlich ein Trio. Abwehrchef Niklas Süle trickst zwar nicht so spektakulär wie Gnabry oder jagt Torrekorde wie Lewandowski – Süle ist aber der Fixpunkt für die gesamte Defensive des Teams. Nach seinem Kreuzbandriss in Augsburg muss man jedoch sagen: Er war der Fixpunkt.

Nur gute 24 Stunden später wurde der Nationalspieler in Innsbruck von Prof. Christian Fink operiert. Für viele verwunderlich, hatte sich zum Beispiel die Entscheidung zum Eingriff bei seinem DFB-Kollegen Leroy Sane über Wochen hingezogen. „Es gibt medizinisch keinen Grund, eine Kreuzband-Operation nach hinten zu verschieben“, erklärt Süle-Operateur Fink gegenüber unserer Zeitung, „im Gegenteil: Je früher man operiert, desto besser.“

Zwischen Fink, der auch Sané erfolgreich operierte, und Teamarzt Dr. Müller-Wohlfahrt hat sich inzwischen eine enge Zusammenarbeit entwickelt. „Uns vereint das Bestreben für alle Patienten den maximalen Therapieerfolg zu erreichen“, beschreibt Fink das Teamwork.

Dennoch wird der 1,95-Meter-Hüne mehrere Monate ausfallen und frühestens im Frühjahr 2020 wieder ins Geschehen eingreifen. Selbst sein Einsatz bei der Europameisterschaft im Sommer steht in den Sternen. Dementsprechend besorgt zeigt sich auch Joachim Löw: „Die Verletzung beeinträchtigt die Entwicklung unserer im Umbruch befindlichen jungen Mannschaft“, fürchtet der Bundestrainer.

Der Defensiv-Spezialist zog sich bereits einmal einen Riss des vorderen Kreuzbands im linken Knie zu. 2014 ereilte ihn im Trikot der TSG Hoffenheim dieses Schicksal. Damals wurde er bei Dr. Eichhorn in Regensburg operiert. 203 Tage fiel Süle danach aus.

In 235 Tagen steigt das Eröffnungsspiel der EM in Rom. Es könnte eng werden für Niklas Süle und Joachim Löw. „Er war ein Fixpunkt in unseren Planung“, spricht Löw über den Stellenwert des Bayern-Spielers beim DFB auch schon in der Vergangenheit. Süle selber gibt sich kämpferisch. Auf Instagram postete er noch auf dem Weg nach Innsbruck: „Wer es einmal schafft, schafft es jedes Mal wieder.“ Bei seinem Arbeitgeber wirbelt sein Fehlen viel durcheinander. Ein Wechsel von Jerome Boateng im Winter dürfte endgültig vom Tisch sein. Kaum vorstellbar, dass er bei der sportlichen Führung an der Säbener Straße mit einem Wechselbegehren nun noch offene Türen einrennt. Der Rekordmeister braucht ihn als Alternative. Auch der Verkauf von Mats Hummels wirft nun wieder kritische Fragen auf. Mit Süle verliert Kovac seine effektivste Option zur Spieleröffnung aus der Abwehr. Gegen Augsburg wurde wieder deutlich, dass es den Bayern an spielerischer Qualität in der Defensive fehlt.

Aus der Not heraus könnte Kovac ein Talent aus der dritten Liga nach oben ziehen. Letzte Woche verlängert Abwehrtalent Lars Lukas Mai von den Amateuren bis 2022. Mit der Integration von jungen Spielern aus dem hauseigenen Campus hat sich Kovac bis dato allerdings nicht hervorgetan – vorsichtig ausgedrückt.

Mangelnde Nachwuchsförderung und riskante Sommer-Transfers: Durch das Süle-Drama holen Niko Kovac die Schatten der Vergangenheit nun wieder ein.

Artikel 1 von 11