München – Früher war er einer von ihnen, heute zeigt er den Pfeifenmännern auch mal (verbal) die Gelbe oder Rote Karte: Babak Rafati, 49, Experte bei liga3-online.de. Wir sprachen mit dem früheren FIFA-Schiedsrichter über einen Spieltag, an dem sich insbesondere die Löwen wieder einmal kein gutes Haar am Regelhüter ließen.
Herr Rafati, Sie analysieren Woche für Woche die „strittigen Szenen“ der 3. Liga. Wie verlief aus Ihrer Sicht das zurückliegende Wochenende?
Sie meinen aus Münchner Sicht, nehme ich an. Mir wurden seitens der Redaktion zwei Szenen vorgelegt: eine Rudelbildung (Uerdingens Mbom vs. Löwe Erdmann/Red.) und die Gelb-Rote gegen Felix Weber. Beides waren korrekte Entscheidungen. Der Stürmer war in aussichtsreicher Position kurz vor dem Strafraum, der Verteidiger kommt zu spät, trifft ihn in die Hacken und war ja schon mit Gelb verwarnt. Bei der Szene mit Mbom und Erdmann wurde ich gefragt, ob man da nicht auch Rot geben kann, aber Gelb für beide war für mich im Rahmen okay.
Auch 1860-Co-Trainer Oliver Beer sah in der Folge Gelb. Berechtigt?
Ganz ehrlich: Von dieser Art der Bestrafung halt ich rein gar nichts. Die Trainer haben genug andere Baustellen. Generell wird ja aus meiner Sicht der Fehler gemacht, dass man auf Konfrontation setzt und nicht auf Kommunikation. Jetzt noch an der Seitenlinie mit Gelben Karten rumzuwedeln – das braucht kein Mensch.
Auffällig ist, dass sich die Löwen regelmäßig benachteiligt fühlen von den Schiedsrichtern. Daniel Bierofka klagte nach dem 0:1 gegen Uerdingen, Tobias Fritsch hätte „nullkommanull Kontrolle“ über das Spiel gehabt. Können Sie ihm folgen?
Ich hab das Spiel jetzt nicht komplett gesehen, sondern nur die fraglichen Szenen. Ich erinnere mich aber, dass es eine Tabelle gibt, wo aufgelistet wird, welches Team wie häufig benachteiligt wurde – und da liegen die Löwen ganz weit vorne. Ich hab ja jetzt nicht mehr die Schiedsrichterbrille auf, aber dass sich ein Trainer da aufregt – das ist absolut nachvollziehbar.
Woran liegt es, dass die Löwen überdurchschnittlich häufig benachteiligt werden? Schauen Schiedsrichter bei namhaften Vereinen anders hin?
Das ist schwer zu erklären, aber klar: Wenn du einen namhaften Verein pfeifst, dann hast du das immer im Hinterkopf. Der eine oder andere wird sicher beweisen wollen, dass er keine Angst vor großen Namen hat. Wenn ich im Grünwalder Stadion eine spektakuläre Aktion gegen die Heimmannschaft pfeife, dann kann durchaus der Gedanke dahinter stecken: So kriege ich einen Pluspunkt, so mache ich bei den Beobachtern auf mich aufmerksam. Im Unterbewusstsein mag das schon eine Rolle spielen.
Das spricht alles nicht für die Schiedsrichter der 3. Liga . . .
Es werden tatsächlich sehr viele Fehler in der 3. Liga gemacht. Diese Fehlentscheidungen sind hausgemacht, weil die Schiedsrichter nicht gut genug ausgebildet sind. Das sind junge Leute, die vor allem sportlich und in der Theorie geschult werden, aber das Entscheidende – die Persönlichkeitsentwicklung – die bleibt auf der Strecke. Da müsste der DFB ansetzen, schließlich ist die 3. Liga eine Profiliga und nicht nur von den Namen her die stärkste dritte Liga der Welt. Es geht um Millionen, um Existenzen. Du brauchst da gut geschulte Leute, die so professionell pfeifen, wie es diese Liga verdient. Mein Gefühl ist, dass die 3. Liga total unterschätzt wird. So nach dem Motto: Wir schicken jetzt einen jungen Schiedsrichter, der darf sich im Grünwalder Stadion ein bisschen austoben, damit er später mal die großen Bayern pfeift.
Also stimmt das Gerücht, dass die 3. Liga verbandsintern als Ausbildungsliga für Schiedsrichter angesehen wird?
So sehen die das, ja. Die sagen sich: Jetzt schauen wir mal, wer es schafft, sich für eine höhere Liga anzubieten. Das ist aber die falsche Einstellung. Wie gesagt: Wir sprechen hier von Profifußball und nicht von einem Pilotprojekt. Du musst die Schiedsrichter viel früher ausbilden – meinetwegen in der 4. oder 5. Liga, wo du eher noch ein bisschen was probieren kannst. Ich bin da ganz beim Trainer Bierofka, denn oft stimmt es bei den Schiedsrichtern schon von der Körpersprache nicht. Du triffst ja nicht nur eine Fehlentscheidung, du schürst damit auch Emotionen – und das wird noch schlimmer, wenn du dich dann als Halbgott in Schwarz aufführst.
Lief das zu Ihrer aktiven Zeit besser?
Das war bei mir früher nicht anders. Ich bin auch auf die Spieler los, hab denen eine Gelbe Karte gezeigt und sie böse angeguckt. Besser wäre es hinzugehen, dem Spieler auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: Du, ich hätte den auch weggegrätscht, aber ich muss dir jetzt Gelb geben. Das gleiche Ergebnis, aber anders vorgebracht – so erhöhst du deine Akzeptanz. Für mich ist es absolut nachvollziehbar, dass Trainern wie Bierofka das Verhalten der Schiedsrichter absolut auf den Senkel geht. Vor allem, wenn sie nach einer Fehlentscheidung noch mal einen draufsetzen.
Wäre es hilfreich, auch in der 3. Liga den Videobeweis einzuführen?
Das würde ich absolut nicht empfehlen. Den Videobeweis an sich halte ich für eine gute Sache, das Problem ist aber die Umsetzung. Jahrelang waren es die Schiedsrichter gewöhnt, der Chef auf dem Platz zu sein. Plötzlich sitzt da einer im Keller, der eine andere Linie hat, womöglich ein Konkurrent ist oder eine alte Rechnung zu begleichen hat. Man könnte ein Buch darüber schreiben. Noch mal: Die größte Entwicklungsmöglichkeit für Schiedsrichter liegt im Kopfbereich.
Interview: Uli Kellner