Das Rennen seines Lebens

von Redaktion

Florian Schmidbauer aus München meistert den Hawaii-Ironman und fragt sich: Geht da mehr?

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Als Florian Schmidbauer seine Augen wieder öffnet, schaut eine Frau auf ihn herunter. Er fragt sie, wo sein Fahrrad ist. Sie fragt ihn, ob er seine Arme und Beine spüren kann. Ein paar Meter weiter, so viel weiß er noch, liegt sein Rennrad, Totalschaden, daneben sein Helm, zerbrochen.

Es ist der 23. April 2018, als Schmidbauer, ein Amateur-Triathlet, sich im Süden Münchens, seiner Heimatstadt, auf seinen ersten Ironman vorbereitet. Es ist, drei Wochen vor dem Rennen in Südafrika, seine letzte lange Trainingsfahrt auf dem Rad. Er fährt auf der Hauptstraße, 45 km/h schnell, da kommt ihm eine Frau in einem ziemlich kleinen Auto entgegen. Sie biegt links ab, übersieht ihn, rammt ihn. Er landet erst auf der Straße, dann im Krankenhaus, wo die Ärzte ihm mitteilen, wie viel Glück er hatte: eine Gehirnerschütterung und einen Handbruch, mehr nicht. Er denkt in diesem Moment aber nur: Das war’s dann wohl mit Südafrika – und damit auch mit Hawaii.

An diesem Sonntag, anderthalb Jahre später, sitzt Schmidbauer, 27, am Tisch eines Cafés in München. Vor ihm steht eine Umeke, eine Holzschale aus Hawaii, die nur bekommt, wer beim Ironman dort unter den besten Fünf seiner Altersklasse abschneidet. In diesem Jahr waren unter den Amateuren zwischen 25 und 29 Jahren nur drei Athleten schneller als Schmidbauer. Er grinst, zieht eine goldglänzende Medaille aus der Umeke. Vor einigen Stunden ist er in München gelandet, jetzt erzählt er von seinen Erinnerungen, die noch so frisch sind. Von dem Wecker, der an jenem Samstag vor einer Woche um 3.30 Uhr klingelte, von dem Müsli, das er sich danach reinstopfte und natürlich auch von den finalen Metern auf der Laufstrecke – „den Moment, auf den man sich seit zwei Jahren freut“. Als er dann durchs Ziel gelaufen ist, hat er auch seine Zeit gesehen. 8 Stunden, 59 Minuten, 25 Sekunden – das konnte er kaum glauben. Die Umeke verrät nämlich nicht das ganze Ergebnis des Rennens. Florian Schmidbauer war beim Ironman auf Hawaii nicht nur der Viertbeste unter den 25- bis 29-jährigen Amateurteilnehmern, er war auch der zehntbeste Deutsche und 58. Mann in der Gesamtliste – alle Profis miteingeschlossen.

Es ist so viel passiert seit jenem Tag im März 2018, dass es Schmidbauer selbst manchmal überrascht. Er sagte Südafrika verletzt und enttäuscht ab, meldete sich aber sofort für den Ironman im französischen Vichy an. Er blieb dort, Ende August, in seinem ersten Rennen über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,159 Kilometer Laufen unter neun Stunden (8:57:17) und qualifizierte sich für Hawaii. Er fing im Januar einen Job in einer Marketingagentur in Düsseldorf und nebenher das Training für Hawaii an. 40 Stunden im Büro, 20 Stunden für den Sport. Er startete, um das Abenteuer zu finanzieren, ein Crowdfunding-Projekt, drehte ein Video und erhielt in 30 Tagen mehr als 4900 Euro Spenden. Er löste Dankesgeschenke ein, die er seinen Spendern versprochen hatte. Einmal etwa lief er für einen der Spender beim Münchner Halbmarathon als Tempomacher mit. „Es war eine Megabelastung“, sagt Schmidbauer, besonders mit dem neuen Job. Er ordnete aber alles dem großen Ziel unter: Hawaii. Er sagt: „Es war die Herausforderung meines Lebens.“

Im Café in München erzählt Schmidbauer die Geschichte des Rennens, von dem er vermutlich noch sehr oft erzählen wird. Er berichtet zuerst vom Meer, wo er die „richtigen Beine“ erwischt, also eine Gruppe mit Schwimmern, die ein Tempo vorlegen, das er alleine kaum hätte durchhalten können. So aber benötigt er nur 54 Minuten. Dann berichtet er vom Fahrradfahren, seiner schwächsten Disziplin, wo er dieses Mal aber viele Konkurrenten überholt. „Das tut dem Kopf gut“, sagt er. „Wenn du merkst, es geht den anderen schlechter als dir.“ Er tritt 220 bis 230 Watt, pro Stunde trinkt er anderthalb Liter, isst zwei Riegel und nimmt drei Gels. Ab Kilometer 150 fühlt er sich nicht mehr gut. „Dann darfst du auf keinen Fall an den Marathon denken. Wenn du an den Marathon denkst, hast du eh verloren.“ Nach 4:49 Stunden ist er wieder in der Wechselzone. Und dann berichtet er vom Marathon, wo er eigentlich immer aufdreht. Die ersten zehn Kilometer, als noch viele Zuschauer zum Jubeln da sind, fliegt er fast, dann leidet er. An jeder Verpflegungsstation stopft er Eiswürfel in seinen Anzug, ab Kilometer 21 trinkt er nur noch Cola, das pusht nochmal. Er ist irgendwann so erschöpft, dass er sich die Cola aus Versehen über den Kopf schüttet. Dann sieht er das Ziel. 500 Meter davor steht sein Papa, später entdeckt er seine Mama, seine Schwester, seine Freundin, deren Familie. Langsam geht er die letzten Meter. Vor der Ziellinie ballt er beide Fäuste, brüllt, macht einen Schritt, dann ist die Herausforderung seines Lebens vorbei.

Und jetzt? Er wollte sich ja eigentlich nicht mehr auflasten, aber er denkt halt auch: Zehnbester Deutscher auf Hawaii, geht da etwa mehr? „Es ist der Traum, mit Sport Geld zu verdienen“, sagt er. Bis vor anderthalb Wochen hätte er das für unmöglich gehalten, jetzt sieht er das nicht mehr ganz so. Natürlich gehöre viel Risiko dazu, Profi-Triathlet zu werden. Aber er ist auch erst 27. Jan Frodeno hat gerade zum dritten Mal auf Hawaii gewonnen: mit 38. Naja, mal schauen. Nun muss Florian Schmidbauer eh erst Ukulele üben und ein Video aufnehmen. Das hat er seinen Spendern noch versprochen.

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