Hand am Knie, Mund weit aufgerissen, ein Schrei, den man sehen kann – auch der medizinische Laie erkennt schnell und sicher, wenn sich auf dem Spielfeld gerade ein Kreuzbandriss ereignet hat. Und er sagt dann auch gleich mit Halbgott-in-Weiß-Bestimmtheit: Sechs Monate Pause.
Die Fachleute sehen das etwas differenzierter. Sie schauen vor einer Einschätzung, ob es noch begleitende Schäden an anderen Bändern oder dem Meniskus gibt, und selten strahlen sie diesen Nur-ein-halbes-Jahr-Optimismus aus. In den Statistiken der Berufsgenossenschaft sind acht Monate der Mittelwert von der Verletzung bis zur Rückkehr ins Mannschaftstraining, wofür man volle Belastbarkeit benötigt.
Niklas Süle hat einen besonders heiklen Zeitpunkt erwischt mit seinem Kreuzbandriss. Er könnte bei guter Heilung irgendwann im Mai wieder eingreifen, dann bekäme er zwar kaum noch was von der Saison, aber die EM im Juni mit. Nur: Soll das der Plan sein?
Dass sich da ein (nicht nur innerer) Konflikt anbahnt, wurde durch den gestrigen Auftritt von Uli Hoeneß deutlich. Die Europameisterschaft, sagte der Bayern-Präsident, sei für Süle wohl „ad acta gelegt“, er könne sie „total vergessen“. Ziel könne ja nur sein, „zur neuen Saison fit zu werden“. Für den Verein, dem er gehört, der ihn bezahlt. Eine Botschaft zu den Prioritäten im Berufsleben. Doch soll der Spieler denken wie sein Arbeitgeber? Zeichnet den Sportler nicht aus, dass er sich die ambitioniertesten Ziele setzt? Und den, der für die Nationalmannschaft auserwählt ist, dass er kein Highlight verpassen will? Ein persönliches Ziel, nicht deckungsgleich mit dem des Clubs – aber völlig legitim.
Der FC Bayern sollte Niklas Süle seinen Traum leben lassen. Weil es keine bessere Motivation gibt. Die EM ist ein feststehender Termin, auf den man sich fixieren kann. Was als Bayern-Spieler am Ende der Saison zu erleben wäre, ist schließlich nicht abzusehen.
Der Präzedenzfall wäre Sami Khedira: Im November 2013 Länderspiel-Kreuzbandriss – und noch auf der Trage der Vorsatz: Ich will zur WM. Medizinisch skeptisch beurteilt, doch Khedira schaffte es. Und spielte zuvor noch das Champions-League-Finale mit Real. Resultat: Alle zufrieden. Und fünf, sechs Jahre später bringt Khedira noch immer Leistung. Bei Juve. Nicht schlecht.
Guenter.Klein@ovb.net