von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Eine Stunde vor dem Spiel kommt der Mann mit den DIN-A3-großen Zetteln, die noch warm vom Kopierer sind. Die Journalisten lassen dann ab vom Büffet, sie wissen, jetzt gibt es die Aufstellungen. Gierig greifen sie danach, die Augen scannen die Liste der Bayern-Spieler, die in der Start-Elf stehen werden. Ein paar Sekunden braucht man, um ein taktisches Schema zu entwerfen, denn die Namen werden in der Reihung der Rückennummern untereinandergeschrieben. Es sind viele prominente Namen, doch wer fehlt? Der Blick geht hinüber in die rechte Spalte: zu den Ersatzspielern. Ja, und da steht: „13 Thomas Müller“.

Das Spiel hat noch nicht begonnen, aber schon eine Geschichte: Müller spielt nicht. Der Weltmeister, die Identifikationsfigur, links liegen gelassen von seinem Trainer Niko Kovac.

Gleiches Spiel in Dortmund. Nur dass man dort nach „10 Mario Götze“ schaut. Wo ist er gelistet? Ist er überhaupt gelistet? Ist Götze Ersatzspieler, dann stellen sich die Fotografen vor der BVB-Bank auf, und die Kameralinsen fressen sich in seine Miene, sie forschen nach Frust oder Trotz.

Würde Thomas Müller beim FC Bayern regelmäßig spielen, hieße das, „dass ihr schreiben würdet, warum Philippe Coutinho auf die Bank muss“, hat Uli Hoeneß völlig zu Recht angemerkt. „Sie“, schalt er die Reporter, „rennen nicht zu dem, der drei Tore geschossen hat, sondern zu dem, der auf der Tribüne gesessen ist.“ Schon Pep Guardiola war in seiner Bayern-Zeit verschreckt, „dass mehr über die Spieler berichtet wird, die nicht spielen, als über die, die spielen“ – aus Barcelona kannte er diese mediale Haltung nicht. Lucien Favre geht es in Dortmund ebenso: Erklärungen, warum Götze nicht spielt, formuliert er möglichst wertungsfrei und beruft sich auf die vielen Optionen, die der Kader ihm bietet.

Zumindest in der Berichterstattung rund um die beiden großen Vereine spielen Personalien eine gewichtige Rolle. Wer die Story vom unzufriedenen Star suchte, wurde bestens bedient. Bei Franck Ribery und Arjen Robben konnte schon eine Auswechslung für Verstimmung sorgen – auch in ihrer letzten Bayern-Saison, die klar als Ehrenrunde definiert war. Robben erklärte kurz nach seinem Karriereende im Talk „Sky 90“, dass er eigentlich immer 90 Minuten spielen wollte. Uli Hoeneß sah „die größte Gefahr nicht darin, dass wir zu wenig gute Spieler haben, sondern zu viele“.

Doch ist das nicht auch das Gedankengut in weiter unten stehenden Clubs? Auch beim FC Augsburg, der um den Klassenerhalt kämpfen muss, werden solche Diskussionen geführt. Am vergangenen Wochenende erreichte der FCA ein überraschendes 2:2 gegen den FC Bayern, der isländische Nationalspieler Alfred Finnbogason schoss als Joker den späten Ausgleich und hätte beseelt sein können. Doch er sprach vor allem über seine Situation, die er als unbefriedigend empfand: „Wenn man jahrelang Stammspieler war, erwartet man, dass man in der Mannschaft bleibt, auch wenn es einige Zeit nicht so läuft.“ Der durch die Blume angesprochene Trainer Martin Schmidt sagt, er wisse, „dass Spieler unzufrieden sind“.

Finnbogason und Augsburg stehen exemplarisch für die Verhältnisse in der Bundesliga. Sie wird von Fernsehgeld überschwemmt, die Vereine investieren es in ihre Kader. Die großen Clubs kommen an Qualität ran, die kleineren gehen über die Quantität. Sie verpflichten Spieler vom internationalen Markt – oft in der Hoffnung, sie irgendwann gewinnbringend zu veräußern. Doch sie müssen auch zwölf deutsche Spieler haben – weswegen die Kader anwachsen, sodass man drei Teams aus ihm bilden könnte. Da die Verpflichtung, eine zweite Mannschaft zu betreiben, aufgehoben wurde und nicht jeder Bundesligist eine Reserve in der Regionalliga hat, verlieren sich Spieler im Profikader zwischen den Positionen 21 bis 34. Mit kaum einer Chance, in der Bundesliga eingesetzt zu werden. Zumal es nicht unüblich ist, dass etabliertere Spieler den Passus aus dem DFL-Mustervertrag, für eine zweite Mannschaft zur Verfügung zu stehen, streichen lassen.

Alfred Finnbogason ist Mittelstürmer. Bei der WM hat er für Island ein Tor gegen Argentinien geschossen. Doch im Augsburger Kader stehen fünf weitere Mittelstürmer. Zwei gestandene (Florian Niederlechner, Julian Schieber), der venezolanische Nationalspieler Sergio Cordova und zwei 19-jährige Talente (Seong-Hoon, Malone). Normal spielt man mit einem Stoßstürmer, in manchen Systemen mit zwei.

Ein Fußballer will spielen, das ist sein Anspruch an sich selbst. Er hat es mit einem Bundesligavertrag weit gebracht, hat Hunderttausende von Konkurrenten hinter sich gelassen. Warum soll die Geschichte im Nirwana des Kaders enden?

Und der Fußballprofi hat verständliche wirtschaftliche Interessen. Seit den Veröffentlichungen aus den „Football Leaks“ weiß man, dass das Einkommen mit dem Erfolg steigt. Das Beispiel, das das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ 2017 veröffentlichte: Lewis Holtby, Ex-Nationalspieler des Hamburger SV, konnte sein Monatsgrundgehalt von 291 666 Euro durch Prämien von 15 000 Euro pro Punkt veredeln; ein Sieg war also 45 000 Euro extra wert. Da ist es klar, dass Holtby noch lieber auf dem Platz stehen oder wenigstens beizeiten eingewechselt werden würde. Er musste mehr als 20 Minuten mitwirken, um Anspruch auf die Prämie zu haben. Ein Trainer, der einen Spieler mit einem solchen Vertrag erst in der 72. Minute aufs Feld schickt, kann sich der Verärgerung gewiss sein.

Selbstredend finden sich in vielen Verträgen auch Boni für Tore, für Vorlagen, und in vielen Fällen verlängert sich ein lukratives Arbeitsverhältnis bei einer entsprechenden Anzahl von Einsätzen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich den Verdrängungskampf in einem 30-plus-Spieler-Kader vorzustellen. Und die Enttäuschungen, die ein Trainer zu moderieren hat.

Der Augsburger Martin Schmidt, früher in Mainz und Wolfsburg tätig, sagt, man müsse den Spielern das Gefühl geben, „dass sie sich im Training jede Woche neu empfehlen können“. Thomas Tuchel war in seiner Mainzer Zeit dafür bekannt, dass er zu jedem Spiel eine andere Elf aufbot, „weil er die Trainingseindrücke extrem hat einfließen lassen“, so der damalige 05-Manager Christian Heidel.

Seit dieser Saison hat die Bundesliga für eine leichte Entkrampfung der Lage in den überdimensionierten Kadern gesorgt. Zum Spiel dürfen 20 Akteure statt der bisherigen 18 nominiert werden. Man folgt dem bei WM und EM üblichen Modell, bei dem keiner mehr auf die Tribüne muss.

Bundestrainer Joachim Löw hat bei der WM 2014 die Rolle der Ersatzspieler mit geschickter Argumentation aufgewertet. Grundsätzlich seien auch die wertvoll, die keine Minute zum Einsatz kommen, weil sie für das Niveau im Training sorgen und die Spannung hochhalten. Und die, die er schließlich einwechsele, hätten eine Rolle, wie es sie noch nie gab: „Sie sind Spezialkräfte.“ Löw verwies auf die klimatischen Bedingungen in Brasilien, die zu bewältigenden Reisedistanzen „in einem Land mit spürbarer Urgewalt“.

Trotz aller Umschmeichelung, die Reservisten auch im Vereinsalltag erfahren: Ersprießlich findet es keiner, wenn auf ihn nicht gesetzt wird. Aber: Man beklagt es nicht, solange man in der Branche ist.

Wir haben einen kontaktiert, der derzeit vertragslos ist, aber ein Jahrzehnt Bundesliga hinter sich hat – mit weiten Strecken, zu denen das Portal transfermarkt.de vermerkt: „Nicht im Kader“ oder „Ohne Einsatz im Kader“.

Der angefragte Fußballer hält das Thema für „hochinteressant. Und ich habe eine starke Meinung zu den großen Kadern“. Aber im Moment will er nichts dazu sagen, denn womöglich spielt er noch einmal hochklassig. Und dann soll es auch nicht heißen, dass da einer kommt, der mosert.

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