Mittendrin im Wahnsinn

von Redaktion

Obwohl er es nicht anstrebte, ist Christian Schwaiger jetzt Cheftrainer der deutschen Skifahrer

VON ELISABETH SCHLAMMERL

Sölden – Die Frage musste ja kommen, die nach dem neuen Cheftrainer. Stefan Luitz drehte sich um zu Christian Schwaiger und lachte erst einmal. „Echt cool“, sagte der beste deutsche Riesenslalomfahrer beim Pressetermin in Sölden vor dem Auftakt des Ski-Weltcups an diesem Wochenende. Auch Teamkollege Alexander Schmid wusste nur Gutes über Christian Schwaiger zu berichten. „Ich halte viel von ihm“, lobte er. Vor allem menschlich habe er ihn überzeugt, „ich kann über alles mit ihm reden.“ Was sollen sie auch sagen, wenn der, um den es geht, danebensteht?

Es sind die üblichen netten Worte, die ein Trainer am Anfang einer Zusammenarbeit von seinen Athleten zu hören bekommt, aber bei Schwaiger ist es vielleicht ein bisschen anders. Er ist ja nicht neu, sondern schon seit 2006 beim Deutschen Skiverband – es hat sich herumgesprochen, dass der 51-Jährige Österreicher umgänglich ist und einiges draufhat. Zuerst hatte er die Slalom- und Riesenslalom-Mannschaft der Frauen betreut – mit großem Erfolg: Kathrin Hölzl wurde Weltmeisterin, Maria Höfl-Riesch ebenfalls und zudem Olympiasiegerin. Später übernahm Schwaiger das Abfahrtsteam der Männer. Damals, 2014, galten Platzierungen unter den besten 20 fast schon als Erfolg. Fünf Jahre später gibt es zwei deutsche Kitzbühel-Sieger und ein Team, in dem ein aus Österreich übergetretener ehemaliger Medaillengewinner „höchstens die Nummer fünf“ ist, wie Schwaiger die Position des Zugangs aus dem Nachbarland, Romed Baumann, bezeichnet.

Es fiel ihm deshalb nicht leicht, die Arbeit mit der Abfahrtsmannschaft aufzugeben. „Diese Gruppe ist extrem zusammengeschweißt mit dem Trainer Christian“, weiß er. Deshalb kam für ihn als Nachfolger nur der frühere Hermann-Maier-Coach Andreas Evers in Frage – die Voraussetzung dafür, dass er das Angebot im Frühjahr annahm, Nachfolger von Mathias Berthold zu werden, der den DSV verließ und nun unter anderem die Fußballer des 1. FC Nürnberg als Mentalcoach betreut. „Es gibt keinen erfolgreicheren Abfahrtstrainer als ihn“, sagt Schwaiger über Evers. Natürlich sei es jetzt „anders, aber anders ist auch eine Chance für das Team, sich weiterzuentwickeln.“ Vor allem auf den Gebieten, auf denen Schwaiger an seine Grenzen stieß. „Gleitkurven und bei aggressivem Schnee – da habe ich jahrelang nicht erreicht, was ich wollte.“

Dass Evers kam, war für ihn eine Voraussetzung, den Posten überhaupt anzunehmen; die andere Voraussetzung war die Zustimmung seiner Frau. Weil er aus seiner Zeit beim britischen Verband wusste, was es bedeutet, als Cheftrainer zu arbeiten, strebte er diesen Job „überhaupt nicht“ an. Damals, erinnert er sich, sei „das Familienleben erledigt“ gewesen. Deshalb habe er sich „immer gesagt, den Wahnsinn tue ich mir nicht an“.

Nun steckt er mittendrin im Wahnsinn. Seit April ist er „extrem viel unterwegs“, mehr als früher. Weil er nach wie vor nah dran sein will an den Athleten, schaute er bei jedem Lehrgang in der Vorbereitung vorbei. „Ich muss nicht der Chef sein, der nur dirigiert und die Reisen bucht. Reiseleiter will ich keiner werden, sondern für mich ist es wichtig, noch im täglichen Betrieb dabei zu sein“, sagt Schwaiger. Er hat sich zudem beim Nachwuchs umgeschaut und geholfen, das neue Reha-Management aufzubauen und umzusetzen.

Schwaiger hat es nicht mehr nötig, sich zu profilieren, aber trotz der jahrelangen perfekten Zusammenarbeit mit Berthold will er nicht alles genauso machen wie sein Vorgänger. Europacup- und Weltcup-Teams trainieren wieder gemeinsam, die Durchlässigkeit soll größer werden. Und auch die Ansprache, findet DSV-Alpinchef Wolfgang Maier, ist eine andere geworden. Berthold sei sehr emotional im Umgang mit den Athleten gewesen, „Christian hat da mehr Distanz“, findet er. Schwaiger spricht von einem „extrem guten Rollenspiel“, das er und sein früherer Chef im Umgang mit der Mannschaft hatten. „Jetzt muss ich das Spielchen alleine spielen.“

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