Auch zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014, die so wunderbar enden sollte, gab es vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) eine Broschüre, in der alle vorgestellt wurden, die in Brasilien dabei waren. Bei Toni Kroos, dem Spielmacher, der die Freistöße auf den Kopf von Mats Hummels schlug, stand als Geburtsort: „Greifswald, DDR.“
Das war historisch richtig. Denn am 4. Januar 1990 hatte die DDR zwar keine Zukunft mehr, aber immerhin noch eine Gegenwart. Und auch wenn Toni Kroos von der Deutschen Demokratischen Republik nicht mehr viel mitbekam, hat er sie als seine Wurzel abgespeichert. Der Eintrag im DFB-Guide ging auf seine Initiative zurück. Er hatte das so geschrieben: Greifswald, DDR.
Toni Kroos trug die sportliche Bildung und Haltung seiner Eltern in sich. Für Roland Kroos, den Vater, der bis zu einer Verletzung als junger Mann Ringer gewesen war und der bis heute ein immer ernsthafter Fußballausbilder geblieben ist, galt: „Sport ist der Mittelpunkt in unserem Leben.“ Birgit, Mutter Kroos, war DDR-Meisterin im Badminton, zu dem dann auch die Söhne Toni und Felix gebracht wurden.
Im Sommer gab es einen Kinofilm über Toni Kroos, ihm konnte man entnehmen, dass der Protagonist sich das angenehm Ost-Piefke bewahrt hat. Die Großeltern fühlen sich in ihrer Datsche wohl, für ihn ist es halt ein paar Nummern größer die Villa in Madrid, die ihm die Möglichkeit zum Rückzug bietet und die er oft nutzt. Ein zufriedener Bürger.
Aber man muss nach dem Osten in Kroos schon bewusst suchen, denn er spielt in einer Zeit, in der das kein Thema ist, aus welchem Teil Deutschlands einer stammt.
Als die Mauer fiel, hat man diese Unterscheidung sehr wohl getroffen. Die DDR-Fußball-Erfahrung des Westens war: 0:1-Niederlage bei der WM 1974, Jürgen Sparwasser erschütterte die Bundesrepublik. Als die Bayern bei Dynamo Dresden im Europapokal spielen mussten, befürchteten sie, im Hotel vergiftet zu werden und brachten den eigenen Koch mit. 1979 setzte sich Lutz Eigendorf nach einem Freundschaftsspiel mit Dynamo Berlin in Kaiserslautern ab, wurde Bundesligaspieler und starb vier Jahre später bei einem Autounfall, hinter dem man die Stasi vermutete. 1987 gab es im UEFA-Cup das Sensationsspiel Bayer Uerdingen – Dresden: Das graumäusige Bayer-Team machte aus einem 1:3 zur Pause ein 7:3. Trainer von Dynamo war Klaus Sammer, sein Sohn Matthias war blutjunger Reservespieler. Zur (Fußball-)Einheit war es nicht mehr weit.
Aber im Westen wusste man nicht: Werden die Staatsamateure eine Verstärkung sein? Franz Beckenbauer hatte nach dem WM-Gewinn 1990 in Rom seinen berühmten Witz gemacht: „Wenn jetzt noch die Spieler aus dem Osten dazukommen, werden wir auf Jahre hinaus unschlagbar sein.“ Er meinte es nicht so, denn wie sollte ein Weltmeister durch Spieler aus einem fast nie für die WM qualifizierten Land besser werden? Müsste tatsächlich Olaf Thon aus Gelsenkirchen Olaf Thom aus Ostberlin weichen?
Thom war die heißeste Aktie aus den DDR-Fußball, er saß dann schon bei Uli Potofski in der RTL-Show „Anpfiff“, als die DDR noch existierte. Thom, damals 24, schnupperte in die Westglitzerwelt hinein und wich der Frage aus, ob er bei seinem Verein bleiben wolle.
Es war absehbar, dass er ein Angebot von drüben annehmen würde. Vor allem Bayer Leverkusen unter Manager Reiner Calmund sah die Chance, ein neues Potenzial zu erschließen: mit Thom, mit Torjäger Ulf Kirsten. Calmund wollte noch mehr Spieler haben, sich aber auch nicht dem Vorwurf aussetzen, er sorge für ein Ausbluten des Ostens. Er fragte sogar bei Uli Hoeneß in München nach, ob er Leute bei den Bayern parken dürfe.
1991/92 wurden aus der sich auflösenden DDR-Oberliga Hansa Rostock und Dresden in eine vorübergehend auf 20 Clubs aufgestockte Bundesliga eingegliedert. Rostock gewann sein erstes Spiel bei den Bayern, stieg aber ab. Die interessanten Ostspieler waren schon im Jahr davor in den Westen gezogen: Matthias Sammer zum VfB Stuttgart, wo sie sich wunderten, dass er am trainingsfreien Tag freiwillig zum Waldlauf ging, Thomas Doll nach Hamburg und 1991 schon weiter nach Italien, Rico Steinmann ging zum 1. FC Köln. Er war das Vorbild von Michael Ballack, der die zweite Generation der Ostkicker anführte, die noch die Jugendsportschulen mitbekommen hatte, beim Mauerfall aber gerade ins Teenager- alter kam.
Ballack wurde zum ersten gesamtdeutschen Fußballstar, geformt von beiden Seiten. Nur Günter Netzer, der große Kritiker, fand ihn ein bisschen zu ostdeutsch, und wenn Ballack sich aufregte, sächselte er. Sein Abschiedsspiel richtete er in Leipzig aus, obwohl er da nie gespielt hatte. Er wirkte heimatlos.
Für die Trainer mit DDR-Ausbildung war es zunächst schwer im Westen. Hans Meyer musste sich erst in den Niederlanden empfehlen, um Ressentiments (zu autoritär – und wer weiß, ob er politisch Dreck am Stecken hatte) zu widerlegen. Dafür wurde er in reifen Jahren zur Kultfigur. Ähnlich Eduard Geyer, der das Raunzig-Strenge nie ablegte, sondern zum Markenzeichen machte. Bernd Stange, früherer Auswahlcoach, hatte viel Medienpräsenz, weil er bevorzugt in Kriegsgebieten (Irak, Syrien) arbeitete. Andere gingen unter: Vater Sammer, die einstmals großen DDR-Nationalspieler Hans-Jürgen Dörner, Joachim Streich, Jürgen Sparwasser.
Der DFB versuchte, seine Zugänge zu integrieren. Länderspiele, die für den Deutschen Fußball-Verband (DFV) absolviert worden waren, fanden Eingang in eine gemeinsame Liste, in ihr standen dann Franz Beckenbauer (103) und Joachim Streich (102) nebeneinander.
Doch die Klub-Szene im Osten dörrte aus. Rostock und Dresden, die alle eine treue, manchmal auch problematische Fanbasis haben, konnten sich in der Erstklassigkeit nicht behaupten. Auch Magdeburg, Aue und Chemnitz entfernten sich von den goldenen Zeiten. in Leipzig blockierte der Streit zwischen Lok und Sachsen (vormals Chemie) den Wiederaufschwung.
Ist Rasenballsport Leipzig ein Ostverein? Das „Konstrukt“, finanziert aus Österreich, erhebt Anspruch darauf, die Sehnsucht der menschen im Osten zu bedienen. Dass die Sängerin Anna Loos ihre Band bei der Leipziger Bundesliga-Aufstiegsfeier 2016 die Trikots anderer Vereine aus den neuen Ländern tragen ließ, wurde als anmaßend empfunden. Red-Bull-Gegner erzählen dann gerne auch die Geschichte, dass Milliardär Didi Mateschitz zuvor drei West-Standorte (Düsseldorf, Hamburg, München) ins Auge gefasst hatte.
Der wahre Ostclub ist Union Berlin, das eine DDR-Geschichte mitbringt. Der vom Namen bekannteste Spieler an der Alten Försterei in Berlin-Köpenick ist Felix Kroos. Tonis Bruder. Aber nicht aus Greifswald, DDR, sondern aus Greifswald, Deutschland. Im März 1991 war die Einheit vollzogen.