München – Den richtigen Moment abpassen, das sagt man zu der Aktion, die Manuel Neuer am Samstagnachmittag um kurz vor 18 Uhr in Perfektion vorgeführt hat. Nicht nur, dass er den langen Gang vorbei an den Journalisten betrat, als sein Kollege Thomas Müller gerade eine große Traube um sich versammelt hatte. Nein, der Kapitän des FC Bayern kam nach dem 2:1 gegen Union Berlin auch noch just zu jenem Zeitpunkt an seinem plappernden Kollegen vorbei, als der in übertrieben sonorer Stimme folgenden Satz in die Mikrofone brummte: „Das sind solche Momente, die an frühere Zeiten erinnern, die ganz glorreichen.“
Die Zuhörer mussten schmunzeln, Neuer musste schmunzeln, und er verließ die Arena nach einem Schulterklopfer für Müller sowie den Worten „Danke, Thomas“, so schnell er konnte. Sollten doch die anderen mal reden, Neuer selbst hatte das auf dem Platz getan. In der Aktion, über die Müller sprach, und über die er zusätzlich sagte: „Es gehört dazu, man versucht, sich gegenseitig zu pushen. Manuel als Kapitän ist da in einer wichtigen Rolle.“
Müller war zwar nicht unmittelbar angesprochen gewesen, aber natürlich hatte er wie 75 000 Zuschauer und neun weitere Feldspieler mitbekommen, dass Neuer kurz nach der Halbzeit der Kragen geplatzt war. Vollkommen in Rage war der Keeper, als seine Vorderleute zum wiederholten Male nachlässig gewesen waren, er kriegte sich kaum mehr ein. Immer wieder hob er die Arme, brüllte. Vor allem die Innenverteidiger Benjamin Pavard und Jerome Boateng wussten kaum mehr, wie ihnen geschah, als Neuer für seinen Wutausbruch von der Südkurve auch noch Szenenapplaus erntete. 1:0 stand es nach dem Treffer von Pavard (13.) zu dem Zeitpunkt. Keine zehn Minuten später führte der FC Bayern nach einem Lewandowski-Tor mit 2:0 – und Neuer hatte einen Handelfmeter des Berliners Andersson pariert.
So stellt man sich einen vor, der vorweg geht, „es ist wichtig, dass alle scharf sind, den Mitspielern auch die Wichtigkeit unserer Situation zu erläutern“, sagte Müller. Hasan Salihamidzic nannte Neuer „Kapitän, Vorbild und Führungsspieler“ und lobte vor allem „seine Kommunikation“. Tatsächlich ist der 33-Jährige zum Sprachrohr dieser Mannschaft geworden, seitdem er auch körperlich wieder Bestform hat und stark hält. Zuletzt hatte er Missstände bewusst und direkt angesprochen. Diesmal aber mussten die anderen was sagen.
Was war das also gewesen auf dem Rasen? Ein Sieg, wie gewünscht, zudem der vorübergehende Sprung auf Tabellenplatz eins als erreichtes Hauptziel. Und trotzdem passte das viel zitierte (Un-) Wort „Bayern-like“ wieder nicht gut zu dem, was dieses so offensiv aufs Feld geschickte Team da geboten hatte. Niko Kovac war schon froh, diesmal nicht wie zuletzt fünf Mal hintereinander zwei Gegentore kassiert zu haben, Müller hat „eine Verbesserung gefühlt“. Defensiv hatte es im Kollektiv besser funktioniert als zuletzt. Sogar Thiago grätschte ab und an effektiv dazwischen, auch Alphonso Davies machte als Ersatz für David Alaba eine gute Partie (Brazzo: „Hat sich freigeschwommen“). Der Ertrag von zwei Treffern aus Einzelaktionen sowie die Tatsache, dass Union nur wegen des von Neuer parierten Elfmeters nicht schon vor dem Strafstoß-Anschluss durch Sebastian Polter (86.) zurück in die Partie fand, sprachen dennoch eine eigene Sprache. Als „nicht unseren besten Moment“ bezeichnete Philippe Coutinho die Situation, aber: „Siege wie der von heute helfen uns und sind gut für unser Selbstvertrauen.“
Der Plan, über den Kovac am Tag vor dem Spiel philosophiert hatte, sah ja genau das vor. Erfolge sollen dafür sorgen, dass der Glanz nach und nach zurückkommt. Trotzdem nervt es Spieler wie Fans, dass das Team laut Müller „momentan ein Händchen dafür hat, Spiele, in denen wir viele Sachen gut machen, noch spannend zu gestalten“. Hoffenheim schoss spät den Siegtreffer, in Augsburg kassierten die Bayern in der Schlusssekunde den Ausgleich. Auch Piräus war nah dran am 3:3. „Ich würde mir wünschen, dass wir wieder Spiele machen, die wir früher entscheiden“, sagte Salihamidzic, der auf der Bank nervös geworden war. Immerhin Müller konnte dem knappen Ergebnis etwas Positives abgewinnen, denn „wenn wir hoch gewonnen hätten, hätten wir vielleicht vergessen, dass wir uns Schritt für Schritt reinarbeiten müssen.“
Das könnte auch beim Blick auf das Bundesliga-Klassement passieren. Nur das übrigens zählt für Uli Hoeneß. „Ich schaue nur auf die Tabelle“, sagte der Präsident bei seinem Abgang. Anders als Neuer war er nicht hinausgehuscht – sondern in aller Ruhe geschlendert. Als Tabellenführer über Nacht.