Sölden – An Felix Neureuther führte an diesem Wochenende kein Weg vorbei. Die Athleten des Deutschen Skiverbandes mussten fast alle antreten beim ehemaligen Teamkollegen, aber kaum einer tat dies mit einem Gefühl. Das lag vor allem an den ihren Leistungen, die weit weg waren vom eigenen Anspruch. Neureuther hätte sich in seinem neuen Job als Fernseh-Experte lieber nicht den Kritiker gegeben, aber er bekam in Sölden nicht viel Gutes nicht zu sehen, zumindest nicht von denjenigen, auf denen nach dem Rücktritt des erfolgreichsten deutschen Skirennfahrers der Fokus liegt. Stefan Luitz wurde gestern 16. beim französischen Riesenslalom-Doppelerfolg – Alexis Pinturault gewann vor seinem Landsmann Mathieu Faivre. Viktoria Rebensburg hatte es einen Tag zuvor nicht viel besser gemacht. Der 13. Platz ist das schlechteste Ergebnis in ihrer Paradedisziplin seit fast zwei Jahren.
„Die Erwartungen lagen sicher weiter vorne als das Ergebnis“, gab DSV-Alpinchef Wolfgang Maier zu und musste feststellen: „Die Zugpferde sind noch nicht so weit, wie wir uns das vorgestellt haben“ – und die Fußstapfen, die Neureuther hinterließ, für Luitz noch ziemlich groß sind. Dass die Deutschen ohne Spitzenresultat in die dreiwöchige Pause bis Levi gehen, „muss uns nicht komplett aus dem Gleis werfen“, findet er, aber ihm zeigt es, dass die Athleten ihren Einsatz auf der Piste überdenken sollten. „Entweder du gehst komplett an die Limits oder du musst dich eben mit den Leistungen weiter hinten begnügen.“
Wie Rebensburg am Samstag hatte auch Luitz vor allem im Steilhang Probleme. Es habe da „die Gnadenlosigkeit“ gefehlt, „die die anderen an den Tag legen“. Bei jeden Schwung sei „er ein bisschen angerutscht, und das tut halt richtig weh auf diesem Hang“, gab er zu: „Da fühle ich mich einfach noch nicht so wohl wie schon mal“, sagt der 27-Jährige vom SC Bolsterlang, der nach seinen Schulter-Operation am Saisonende und einer längeren Pause ein paar weniger Trainingstage im Rennmodus hinter sich hat wie um diese Zeit üblich. Aber als Ausrede soll das nicht gelten. „Die andere haben sicher auch nicht so viele Kilometer im Steilen trainiert und bekommen es auch hin.“ Luitz hatte allerdings stets etwas gefremdelt mit dem Hang und noch nie besser beim Auftaktrennen auf dem Gletscher abgeschnitten als dieses Mal. „Sölden ist einfach nicht so mein Wohnzimmer“, sagte er.
Im Gegensatz zu Rebensburg, die genau das vom Weltcup-Ort im Ötztal behauptet, aber sich dieses Mal überhaupt nicht wie daheim fühlte. Während Luitz immerhin ein paar Erklärungsansätze fand, rätselte die WM-Zweite von Are im vergangenen Winter, warum sie die guten Eindrücke der Vorbereitung nicht betätigen konnte. Es fiel ihr – außer ebenfalls der Hinweis auf zu wenig Trainingstage im steilen Terrain – nichts ein. „Man muss das erstmal sacken lassen und dann analysieren“, sagte sie. Alpinchef Maier hat da schon eine Idee. „Wenn man so passiv fährt, was auch immer der Grund dafür war, dann fährt man halt nicht in der Weltspitze mit“, sagte er.
Während Luitz und Rebensburg bis zu ihren nächsten Weltcup-Einsätzen Ende November in den USA noch ein paar Stellschrauben neu justieren müssen, weiß Pinturault, dass er auf dem richtigen Weg ist. Er hat sich mit seinem souveränen Sieg bereits als Nachfolger von Marcel Hirscher im Kampf um den Gesamtweltcup empfohlen. „Der Druck ist jetzt größer, weil Marcel nicht mehr da ist“, gab der Franzose zu.
Der andere Favorit auf die große Kristallkugel, Henrik Kristoffersen, blieb in Sölden noch weiter hinter den Erwartungen zurück als die Deutschen. Der Riesenslalom-Weltmeister aus Norwegen landete nur auf dem 18. Platz. Er habe seine „Nerven komplett weggeschmissen“, weil er so sein wolle wie Marcel Hirscher, meinte Felix Neureuther am ARD-Mikrofon. „Aber das schafft er nicht“, und das müsse er „in seinen Kopf hineinkriegen.“ So wie die Deutschen wieder verinnerlichen sollten, dass sie sich wieder mehr am Limit bewegen müssen, um weiter vorne zu landen.