Wenn man den Professor Wippermann reden hört, möchte man meinen, so schlecht sei es gar nicht bestellt um die körperliche Fitness der Jugend. Peter Wippermann nämlich, Trendforscher aus Hamburg, sieht dank der digitalen Medien sogar einen riesigen Anreiz, mit Sport und guter Ernährung einen tollen Körper zu formen. Schließlich will man sich möglichst attraktiv präsentieren auf Instagram oder Facebook, ohne erst umfangreiche Retuschen im Photoshop anstrengen zu müssen. Denn dort, in der virtuellen Welt, trifft man sich heute mit Freunden, da will man einen so guten Eindruck hinterlassen, der andere ein bisschen neidisch werden lässt.
Der Sport aber, den sie dafür ausüben, ist völlig anders als der, den ihre Eltern kennen. Wippermann spricht von einer „zunehmenden Individualisierung“, den Sport, eigentlich ist es mehr ein Körperkult, betreibt man nicht draußen gemeinsam mit Freunden, sondern allein, begleitet von Fitness-Apps auf dem Smartphone, oder von Alexa, der digitalen Assistentin, die einem genau sagen kann, welche Körperpartien besonderer Sorgfalt bedürfen für eine ideale Figur.
Ist das der Sport der Zukunft? Ist das der Sport der „digital natives“, der digitalen Generation? Nicht mehr als Mannschaft, Team, nicht mehr beim Basketball, Volleyball oder Fußball? Und wenn, dann nur noch auf der Konsole, beim eSport, den längst auch herkömmliche Sportverbände und -vereine zum Teil recht massiv fördern, weil er zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden ist?
„Der Begriff eSport ist eigentlich ein Widerspruch in sich“, sagt auch Professor Wippermann. Und wenn er dann erzählt von den digitalen Trends, die vor allem aus den USA mehr und mehr nach Europa herüberschwappen, fühlt man sich schnell in völlig fremden Sphären, in einem Science-Fiction-Film. „Die virtuelle Welt verändert die reale Welt“, sagte er beim Kongress von fit4future in Bad Griesbach, der sich zwei Tage lang dem Thema „Analoge Eltern – digitale Kinder“ widmete und den Konsequenzen, die sich für das Aufwachsen von jungen Menschen daraus ergeben.
Und die sind für die Hirnforscherin Gertraud Teuchert-Noodt von der Universität Bielefeld ein absolutes Schreckensszenario. Digitale Medien, so ihre drastische Vision, „machen aus Kindern Psychopathen“. Und dass das nicht nur die Ansicht einer reiferen Dame ist, die sich noch immer standhaft weigert, ein Smartphone zu nutzen, belegte sie mit einem hoch wissenschaftlichen Referat über die Vorgänge im kindlichen Gehirn, die für sie nur einen Schluss zulassen: „Eine Kindheit ohne moderne Medien ist der beste Start ins digitale Zeitalter. Alles andere führt in ein Desaster.“
Natürlich akzeptiert auch Frau Teuchert-Noodt, dass die Welt eine andere geworden ist, dass es Kindern heute nicht mehr möglich ist, eine Kindheit zu erleben wie zu ihrer Zeit. Aber gerade weil eben die Umstände andere geworden sind, weil Kinder kaum mehr in der Natur spielen und auf Bäume kraxeln können, müsse in den ersten 16 Lebensjahren im Elternhaus und vor allem in der Schule neben Musik die Bewegung viel mehr gefördert werden, eine tägliche Sportstunde ist für die Professorin eine absolute Notwendigkeit, um einen Kontrapunkt zu setzen zur immer weiter ausufernden Beschäftigung mit dem Smartphone. Und die Ferien sollten komplett mit Musik und Sport gefüllt werden.
Der Mensch, sagt sie, sei eben analog strukturiert, die Konzentration aufs Digitale sei, „als würde man uns vier Finger amputieren, weil wir zum Daddeln ja nur einen brauchen. Aber wir könnten nicht mal mehr eine Gabel halten.“ Man müsse die Kinder erst in die analoge Welt hinein begleiten, dann fänden sie sich später auch in der digitalen zurecht: „Wir entscheiden, ob wie begabte oder nicht begabte Kinder großziehen wollen.“
Was sich im Gehirn abspielt, welche Auswirkungen mangelnde Aktivität und zu einseitige Beschäftigung mit digitalen Medien auch auf die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten habe, auf Emotion und Empathie, hat auch der Sportmediziner Ludwig Geiger immer wieder betont und in einem auch für Kinder leicht lesbaren und gut verständlichen Buch mit dem Titel „Abenteuer Gehirn“ niedergeschrieben. In einer spannenden Fantasiegeschichte hat er geschildert, was Bewegung auch im Kopf bewirkt, je mehr Muskelpartien bewegt würden, desto stärker sei der positive Effekt im Gehirn.
Beim Fußball beispielsweise träfen dort oben große Informationsmengen ein: Wo steht der Gegner, wo sind meine Mitspieler, wie ist die Bodenbeschaffenheit, der Wind und vieles mehr, all das werde in der sensorischen Hirnrinde über verschiedene Zwischenstationen in Befehle umgewandelt, bis es letztlich zum genauen Pass oder gezielten Schuss kommt. Dabei würden nicht nur die für das Bein zuständigen Hirnbezirke angeregt, sondern auch deren Nachbargebiete. So werde das ganze Gehirn mit erregt, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung erhöht: „Sport fördert sogar die Bildung neuer Hirnzellen.“ Als „Pille für das Gehirn“ bezeichnet er den Sport, ganz ähnlich wie Gertraud Teuchert-Noodt.
In der Realität aber sieht sie kleine Kinder, die schon am Smartphone spielen, „noch ehe sie lesen und schreiben können“, das erschreckt sie. „Wir müssen die Reißleine ziehen“, fordert sie vehement, „Deutschland verdummt, weil die Konzentration verloren geht und die Intelligenz auf der Strecke bleibt.“ Sie weiß, sie kann und wird das Rad nicht zurückdrehen. Will sie auch gar nicht. Sie ist aber überzeugt davon, dass sich die kommenden Generationen leichter tun werden in der virtuellen Welt von morgen, wenn sie wenigstens bis zum 16. Lebensjahr die analoge Welt kennenlernen, wenn wir sie (analog) spielen, reale, nicht nur virtuelle Freundschaften schließen lassen, wenn wir ihnen wieder Freiräume gewähren, Zeit ohne Netz.
Aber geht das überhaupt noch? Peter Wippermann, der uns so drastisch die digitale Zukunft aufgezeigt hat, spricht von einem großen ökonomischen Druck, unter dem die Generationen Y und Z stehen. „Sie müssen schneller reifen, schneller erwachsen, schneller fertig werden.“ Alles werde beschleunigt, das ziehe sich durch von der Geburt, die immer öfter aus terminlichen Gründen per Kaiserschnitt erfolgt, bis zum Studium. Es ist genau die Situation, die Helmut Zöpfl mal so treffend wie sarkastisch in seinem grandiosen Gedicht über die „Bildungsmaschine“ beschrieben hat, diesen Wahn, Kindern, möglichst bereits dem Embryo, immer schneller Wissen einzutrichtern. Was schließlich in dem Ziel der Wissenschaftler gipfelt, dass dann irgendwann „Geburt mit Abitur zusammenfällt“. Und die Kindheit auf der Strecke bleibt.
Wippermann fragt: „Wo können wir zurückstecken, wo den Trend, immer schneller erwachsen werden zu müssen, einbremsen? Wie schaffen wir es, gerade in den ersten Jahren wieder mehr die Bewegung zu fördern?“ Die Politik spricht immer nur davon, die Schulen digitaler werden zu lassen, möglichst schon die Kita. Ein Horror für Gertraud Teuchert-Noodt. „Es wird behauptet, die Kinder damit fit für die Zukunft zu machen. Dabei entstehen riesige Defizite durch ständiges Sitzen vor dem Computer, das hat eine zerstörerische Wirkung auf die Kinder.“
Es war aber nicht so, dass man in Bad Griesbach die digitalen Medien pauschal verteufelt hätte. Natürlich hat es auch Vorteile, wenn Kinder über WhatsApp oder Facebook mit anderen in Kontakt bleiben können, mit Freunden, mit Familie, mit Großeltern, das habe, so Claudia Zerle-Elsäßer vom Deutschen Jugendinstitut in München, schon auch etwas Verbindendes. „Alone together“, das ist eben die neue Welt, die auch den Sport der kommenden Generationen maßgeblich verändert. Wenn es aber hilft, körperlich fit zu bleiben und sei es nur, um auf dem „Markt der Begehrlichkeiten“, wie Wippermann Instagram und Co. nennt, attraktiv zu sein, dann ist doch noch zumindest ein positiver Aspekt dabei.
Man müsse aber auch Auswüchse verhindern, klare Regeln zur Mediennutzung schaffen. Man dürfe Kinder nicht alleine damit lassen, aber gelingt das Eltern, die als „digital immigrants“ ihren Kindern in technischen Dingen meist unterlegen sind? Eltern haben einen anderen Blick auf die digitalen Medien als die Generation, die damit aufwächst. Meist brauchen sie Unterstützung. Auch, um ein noch einigermaßen gesundes Gleichgewicht zu schaffen zwischen bewusster Mediennutzung und ausreichend Bewegung. Das sollte dann der Weg sein in die digitale Zukunft.