Frankfurt/München – Den Reißverschluss der dicken Winterjacke bis zum Kinn geschlossen, die dunkelblaue Wollmütze tief ins Gesicht gezogen – so betrat Niko Kovac gestern um 10.14 Uhr den Trainingsplatz an der Säbener Straße, um das Reservisten-Training hinter der blickdichten Plane zu leiten. Es sollte sein letzter Auftritt als Cheftrainer des FC Bayern gewesen sein. Am selben Abend, um 20.52 Uhr, verkündete der Rekordmeister offiziell, dass die Zusammenarbeit mit Kovac beendet ist. Der Kroate hatte dem Club bei einem Gespräch am Nachmittag mit den Bossen seinen Rücktritt angeboten – die Konsequenz aus dem 1:5-Debakel gegen die Frankfurter Eintracht. „Ich denke, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung für den Club ist. Die Ergebnisse und auch die Art und Weise, wie wir zuletzt gespielt haben, haben mich zu diesem Entschluss kommen lassen“, sagte Kovac über sein Rücktrittsangebot. Vorerst wird Co-Trainer Hansi Flick die Mannschaft gegen Piräus und Dortmund betreuen.
„Die Leistungen unserer Mannschaft in den vergangenen Wochen und auch die Resultate haben uns gezeigt, dass Handlungsbedarf bestand. Uli Hoeneß, Hasan Salihamidzic und ich haben mit Niko auf diese Grundlage am heutigen Sonntag ein offenes und seriöses Gespräch geführt mit dem einvernehmlichen Ergebnis, dass Niko nicht mehr Trainer des FC Bayern ist. Wir alle bedauern diese Entwicklung“, wird Vorstandsvorsitzender Rummenigge in der Mitteilung zitiert. „Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen“, nimmt Sportdirektor Salihamidzic seine Spieler in die Pflicht.
Fakt ist: In den vergangenen Wochen hatte Kovac auch deshalb seinen Trainerstuhl behalten, weil die Bayern ihre Spiele großteils gewonnen haben. Ein Rauswurf zu diesem Zeitpunkt wäre nur schwer zu vermitteln gewesen – nach der Klatsche in Frankfurt sah das anders aus und beide Parteien haben sich einvernehmlich getrennt. Kein Wunder: In der Mannschaft war die Stimmung, wie schon im vergangenen Herbst, stark gegen Kovac. Bezeichnend für die schwierige Lage Kovac’ in der Bayern-Kabine: Selbst sein „Lieblingsschüler“ Thiago hatte sich von ihm distanziert und machte einigen Mitspielern gegenüber keinen Hehl mehr daraus.
Auch die Aussagen von Manuel Neuer, normalerweise für seine rhetorische Diplomatie bekannt, waren in Frankfurt deutlich. „Wir sind in der Mannschaft überhaupt nicht gespalten. Wir haben einen guten Zusammenhalt. Die Motivation ist nicht das Problem, weil jeder Einzelne will“, sagte der Bayern-Kapitän nach der Pleite in Frankfurt. Angesprochen auf die regelmäßige Spieler-Kritik des Trainers meinte der Torwart: „Das Resultat auf dem Platz sieht man ja. Wir sind alle nicht zufrieden. Jeder muss bei sich selbst anfangen.“ Die Nachfrage, ob Kovac also nicht mehr der richtige Trainer sei, ließ nicht lange auf sich warten. „Habe ich nicht gesagt“, ließ Neuer abermals Interpretationsspielraum und sprach erneut Klartext: „Es hat sich abgezeichnet. Für mich ist es kein Wunder, was heute passiert ist. Es läuft einfach nicht. Es muss sich auf jeden Fall etwas ändern.“
Kovac selbst klang nach dem katastrophalen Auftritt seiner Elf, der schwersten Bundesliga-Schlappe seit mehr als zehn Jahren, nicht wirklich zuversichtlich, als er nach seiner Zukunft gefragt wurde. Er gehe traurig und enttäuscht in den Bus, berichtete er am Samstagabend und sagte dann: „Ich weiß, wie das Geschäft läuft, ich bin aber nicht blauäugig. Ich gebe aber nicht auf. Einfach kann jeder.“ Letztendlich hatten die vergangenen Wochen Kovac wohl doch zu viel Kraft gekostet und er musste doch aufgeben.