Erkaltete Liebe

von Redaktion

Bierofka fühlt sich bei 1860 zunehmend isoliert und hintergangen – sein Abschied naht

VON ULI KELLNER

München – Heute endet die innere Klausur, die sich Daniel Bierofka nach dem Heimsieg gegen Viktoria Köln verordnet hatte. Zwei Trainingseinheiten sind angesetzt, zu denen der verstimmte Coach erwartet wird (10 und 15 Uhr). Nicht erwarten sollte man jedoch, dass sich der Urlöwe vorher oder hinterher öffentlich erklären wird. „Daniel Bierofka steht derzeit nicht für Interviews oder sonstige Fragen zur Verfügung“, schrieb die Pressestelle gestern in einer Rundmail. Von „entsprechenden Anfragen an unseren Cheftrainer“ sei Abstand zu nehmen, heißt es vorsorglich im Begleittext.

Bierofka will sich also auf den Trainingsplatz stellen und Normalität vorleben, ohne die Beweggründe für seine zweitägige Auszeit zu präzisieren. Bekannt ist, dass es ein Artikel im Donnerstags-„kicker“ war, der sein inneres Gallefass zum Überlaufen gebracht hat. Der Trainer wittert Geheimnisverrat und scheint mit allen gebrochen zu haben, die ihn hintenrum immer wieder infrage stellen („kein Plan B“). Nicht bekannt ist bisher, wie er nun umgehen will mit einer misslichen Situation, die er am Samstag in aller Kürze skizziert hat. Es sei nicht das erste Mal, dass Informationen aus dem „inneren Kreis“ nach außen gegeben werden, wetterte er. „Da muss man sich schon überlegen, wie es weitergeht“, knurrte er und ließ eine unverhohlene Rücktrittsdrohung folgen: „Lange schaue ich mir das nicht mehr an – das weiß ich.“

Ob die Beschwichtigungen von Präsidium („Stehen voll und ganz hinter ihm“) und Sportchef Günther Gorenzel („Ich habe absolutes Verständnis für seinen Ärger“) etwas bewirkt haben, darf getrost bezweifelt werden. Bierofkas Frust scheint tiefer zu sitzen, als das viele Augenzeugen am Samstag für möglich gehalten haben. Einen Fehler macht, wer seinen polternden Auftritt als Affekthandlung einstuft. Anders ist seine dürre Wortmeldung von gestern Vormittag kaum zu interpretieren. „Ich für mich habe meine Entscheidung getroffen“, schrieb Bierofka knapp per WhatsApp.

So äußert sich keiner, der einen emotionalen Ausbruch nach zwei Nächten in einem anderen Licht erscheinen lassen möchte. Wie unsere Zeitung aus dem Umfeld des Trainers erfuhr, ist es dem 1860-Urgestein ernst mit seinen Abschiedsgedanken. Die Liebe zu seinem Herzensverein scheint erkaltet, das Vertrauen in fast alle außerhalb seines inneren Kreises (Mannschaft, Teile des Trainerstabs) erschüttert zu sein. Nach Lage der Dinge geht es nach Bierofkas Nachdenktagen nicht mehr um die Frage, ob der enttäuschte Coach das Handtuch wirft, sondern um die Frage, wann er seine Mission bei 1860 beendet. Dass Bierofka seinen Vertrag bis 2022 erfüllen wird, ist seit der Zuspitzung infolge der Indiskretionsaffäre kaum noch vorstellbar. Beim Halle-Spiel am Samstag will er noch auf der Bank sitzen – danach muss mit allem gerechnet werden.

Menschen, die dem Vollgaslöwen nahestehen, wissen, dass es ihm nicht leicht fallen wird, seinen Verein zu verlassen. Es würde ihn sogar schmerzen, diesen Schritt zu vollziehen. Bekannt ist aber auch, dass der charakterstarke Ex-Profi nicht willens und in der Lage ist, seine Arbeit bei 1860 fortzusetzen, wenn die Basis dafür – Werte wie Respekt, Vertrauen, Loyalität – nicht mehr gegeben ist.

In einem Interview mit unserer Zeitung sagte Bierofka Mitte Mai: „Ich sehe mich als temporäre Person bei 1860. Ich denke, ich passe zum Verein, und der Verein passt zu mir. Gleichzeitig weiß ich, dass es im Profifußball relativ schnell vorbeigehen kann.“ Dieser Zeitpunkt scheint nun gekommen zu sein – früher als erwartet. Die anstehende Länderspielpause könnte spannend werden.

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