Einer der Sportstars aus der DDR, die im Westen Deutschlands scheiterten, war Andreas Wecker. Was bei seinem Fall halt nicht klar ist: Hatte die neue Welt, die keine geschäftlichen Fehler verzeiht, ihn überfordert? Oder war und ist der Turnheld Wecker von seiner Persönlichkeitsstruktur einfach ein immer Suchender – bereit, dafür Risiken einzugehen?
Jedenfalls: Es ging gut los mit Andreas Wecker im vereinten Deutschland. Man wusste: Er ist ein Hochbegabter. 1988, mit 18, erstmals bei Olympia, 1989 der letzte DDR-Sportler des Jahres. Erste Auftritte im Westen – alle angetan: ein pfiffiger und offener Bursche. Wie geschaffen für die Medien. Tolle Wende-Story: 1988 Vaterländischer Verdienstorden (DDR), 1992 Silbernes Lorbeerblatt (Bundesrepublik). 1996 wurde Wecker Olympiasieger am Reck, das hatte noch nicht einmal der große Eberhard Gienger geschafft, der war in den 70ern „nur“ Weltmeister gewesen.
Zehn Jahre nach dem Gold von Atlanta las man den Namen Andreas Wecker in einem anderen Kontext. Auf Ebay versteigerte er seine Medaillen. Er brauchte Geld.
Sein Engagement im Cirque de Soleil – im Streit aufgekündigt. Sein Wellnesscenter im kleinen Ort Wandlitz (22 000 Einwohner) – gegen die Wand gefahren. Seine Firma, die Turnevents veranstalten sollte – pleite. Das Haus – zwangsversteigert. Schließlich noch Scheidung, Erkrankung (Morbus Crohn) und Suizidversuch. Halt fand Wecker in einer streng evangelikalen Glaubensgemeinschaft (Neue Nazarethkirche), was aber wiederum diejenigen verstörte, die sich vorstellen konnten, einen einstigen deutschen Sporthelden aufzufangen.
Zumindest hatte Wecker die Chance zunächst genutzt, die ihm die politischen Veränderungen boten. Für andere, die in der DDR zu den Besten gehört hatten, war es vorbei mit der Herrlichkeit. Sie gerieten in Vergessenheit, weil der Westen ja auch Stars bot wie im Tennis Boris Becker und Steffi Graf oder den aufstrebenden Motorsportler Michael Schumacher, die der Osten umarmte – oder sie wurden öffentlich hinterfragt. Vor allem ging es dabei um Doping – und was Leistungen wirklich wert gewesen waren.
Bei Marita Koch, der Leichtathletin, die dreimal zur Weltsportlerin des Jahres gewählt wurde, wird das gefragt. Sie ist immer noch Weltrekordhalterin über die 400 Meter, ihre 47,60 Sekunden lief sie 1985. Die Zeit gilt als unerreichbar.
Es war absehbar, dass nach dem Ende der DDR, einem Staat, der einem Überwachungs- und Protokollierungswahn anheimgefallen war, Dokumente auftauchen würden, aus der man die Medikation von Spitzensportlern erschließen könnte. In der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow wurden der westdeutsche Molekularbiologe Werner Franke und seine Frau, die frühere Diskuswerferin Brigitte Berendonk, fündig. Was sie für ihr Buch „Dopingdokumente“ herausfanden: Marita Koch war – wie viele andere – jahrelang mit dem Hormonpräparat Oral-Turinabol gedopt worden.
Marita Koch, die selbst Medizin studierte, bestreitet das. Ihre Leistungen stehen weiter in den Bestenlisten, 2014 nahm sie der Leichtathletik-Weltverband IAAF als zweite Deutsche in seine „Hall of Fame“ auf. Dennoch will man im vereinten Deutschland nichts von ihr wissen. Es gibt keine Einladungen, keinen Job beim Fernsehen – obwohl sie den Status einer Ikone haben müsste. Koch, heute 62, allgemein beschrieben als freundlich und warmherzig, hat sich in ihre Rostocker Blase zurückgezogen. Sie betreibt ein Geschäft, „Marita Koch Sportmoden“, sie hatte mehr Läden in der Stadt, musste sie aber schließen.
In der „Hall of Fame“ des deutschen Sports findet man unter den 110 Namen Marita Koch nicht. Ein Kritikpunkt an der Liste, die die Stiftung Deutsche Sporthilfe initiiert hat, ist, dass Frauen unterrepräsentiert sind. Das stimmt. Ebenso, dass es für Sportler mit DDR-Geschichte schwerer ist, aufgenommen zu werden. Es sind nur wenige; Boxer Henry Maske, Schwimmer Roland Matthes, die Turnerin Karin Büttner-Janz, Eiskunstläuferin Katarina Witt, die Leichtathletinnen Renate Stecher und Heike Drechsler, Kanutin Birgit Fischer, die Wasserspringerin Ingrid Krämer-Gulbin, der Radrennfahrer Wolfgang Lötzsch, die Skispringer Hans-Georg Aschenbach und Helmut Recknagel. Einige von ihnen hatten eine Sowohl-Ost-als-auch-West-Karriere, oder sie kamen rein, weil sie sich wie der Biathlon-Trainer Henner Misersky und seine Tochter Antje als Doping-Aufklärer profiliert und sich dem System entgegengestellt hatten.
Mehrmals abgelehnt wurde der mittlerweile 88-jährige Täve Schur. In der DDR war er eine Größe von einem tadellosen Renommee wie im Westen der Boxer Max Schmeling. Schur gewann zweimal die Friedensfahrt, das große Radsportereignis im Osten, zweimal war er Straßen-Weltmeister, jeweils in den 50er-Jahren. Täve Schur war des Dopings völlig unverdächtig, er galt als Sportsmann durch und durch.
Doch er war auch ein treuer Diener seines Staates – und dessen Ideologie auch noch verbunden, als es diesen Staat nicht mehr gab. Von 1998 bis 2002 saß er für die PDS im Bundestag und stimmte gegen das Dopingopfer-Hilfegesetz, weswegen sich auch ehemalige DDR-Sportler gegen seine Aufnahme in die Hall of Fame aussprachen.
Kristin Otto, 53, wird auch niemals berücksichtigt werden in dieser Galerie der Größten. Obwohl sie eine olympische Legende ist. 1988 in Seoul erschwamm sie sechs Goldmedaillen. Sie wurde nie positiv getestet, ihr früherer Trainer und der Mannschaftsarzt jedoch wurden wegen Dopings ihrer Schützlinge verurteilt.
Kristin Otto hat Karriere in den Medien gemacht. Seit 27 Jahren arbeitet sie fürs ZDF, sie ist eine solide Moderatorin (Sportreportage), kürte Sportler des Jahres. Ihrem Arbeitgeber versicherte sie im Jahr 2000, nie gedopt zu haben. Sie hat auch schon die Formulierung gebraucht, „nie wissentlich gedopt“ zu haben. Wenn das ZDF seine Moderatorin beim Schwimmen und bei dopingnahen Themen einsetzt, kommt immer wieder Unbehagen auf. Kristin Otto selbst gibt keine Interviews. Sie ist nicht zu greifen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bei Olympischen Spielen bis einschließlich 1964 „gesamtdeutsche Mannschaften“, die DDR existierte im internationalen olympischen Sport also nur von 1968 bis 88. Bei sechs Winter- und fünf Sommerspielen gewannen ihre Athleten 192 Gold-, 165 Silber- und 162 Bronzemedaillen. An diese Erfolgsmasse ist wenig an Erinnerung an Individuen geblieben. Die meisten leben wahrscheinlich ein normales bürgerliches Leben – ohne Glamour. Und ohne Absturz.
Und was wurde aus Andreas Wecker, dem Turner, den das Leben nach der DDR aus der Bahn warf? Man hörte von ihm wieder, als Fabian Hambüchen 2016 Reck-Gold gewann. Wecker gratulierte. Er sagte, es gehe ihm gut. Er lebt in den USA, in Oregon, nach einer Zeit als Gärtner stellt er Pflanzenkeimöl her, das „aus der Saat von Gott“ kommt.