Als der TSV 1860 in Trümmern lag, im Sommer 2017, da musste Daniel Bierofka nicht lange überlegen. Er sortierte, was noch an sportlichen Werten da war, schuf aus dem Nichts eine neue Mannschaft und hatte nur ein vages, aber hehres Ziel vor Augen: den Fans ihre Würde zurückzugeben – und die Löwen auf direktem Wege wieder im Profifußball zu verankern.
Das klappte schneller als erwartet, auf fast märchenhafte Weise – vor allem, wenn man die Umstände bedenkt. Fast-Insolvenz, Eiszeit zwischen den Gesellschaftern. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes war es eine historische Leistung, mit den Löwen erst aufzusteigen und sie mit einem Mini-Etat in der 3. Liga zu halten.
Zweieinhalb Jahre ist es Bierofka gelungen, den tief gespaltenen TSV 1860 sportlich zusammenzuhalten. Jetzt ist seine Löwenliebe genau daran zerbrochen: an den selbstzerstörerischen Kräften des Vereins, an den Intrigen, Eitelkeiten und internen Kämpfen. Er kann nicht mehr, will nicht mehr, vertraut keinem mehr und zieht sich zurück, obwohl sein Herz gerne geblieben wäre. Die Szenerie seines Abschieds spricht Bände: Bierofka, dem 1860 wirklich was bedeutet, trollt sich unter Tränen. Andere im Verein bringen es nicht mal fertig, den vermeidbaren Verlust mit angemessenen Worten zu kommentieren. Welch Ironie: Derjenige, dem es ausschließlich um den Sport ging, zieht sich zurück – weil diejenigen, die überwiegend Politik machen, die Weiterentwicklung des Profifußballs bei 1860 behindern. Mit Bierofka verabschiedet sich einer der letzten aufrechten Löwen in diesem schwierigen, da kaum zu beherrschenden Traditionsverein. Der Vollgaslöwe hat sich aufgeopfert für 1860, hat neben seiner Trainertätigkeit Spieler gescoutet, Geld bei Sponsoren eingesammelt, Fanpflege betrieben und seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Klar: Es ist vermutlich nicht ganz einfach, mit einem so emotionalen Trainer zusammen zu arbeiten. Aber: Charakterlich ist Bierofka vielen anderen im Verein um Längen voraus. Selbst sein Abschied zeugt von einer klaren Haltung. Bierofka geht – weil seinem Verein offensichtlich nicht mehr zu helfen ist.
Wie es nun weitergeht beim Giesinger Intrigantenstadl? Der Klassenerhalt dürfte zur Herausforderung werden, wenn die Mannschaft ihre emotionale Bezugsperson verliert und viele Spieler wissen, dass auch für sie bald Schluss ist bei 1860 (weil kein Geld für neue Verträge da ist). Trainer werden kommen und gehen. Ein Glücksfall wie Bierofka wird nicht mehr so schnell dabei sein.
uli.kellner@ovb.net