Bescheiden in den Clasico

von Redaktion

Bayern schöpft aus 2:0 gegen Piräus immerhin etwas Mut für das Schicksalsspiel

VON HANNA RAIF

München – Die großen Pappschüsseln, die die Spieler des FC Bayern am Mittwoch in die Münchner Nacht trugen, waren reichlich gefüllt. Kohlenhydrate gab es freilich nach dem 2:0 gegen Olympiakos Piräus, manch einer balancierte sogar gleich zwei Portionen des feinen Mitternachts-Snacks aus der Arena. Die Energiespeicher sollten rasch gefüllt werden, „wir haben noch heute Abend mit der Regeneration begonnen“, sagte Hansi Flick, seines Zeichens Interims-Trainer beim deutschen Rekordmeister. Die Zeit ist ja auch knapp: Gestern auslaufen, heute Training – und dann wartet im Topspiel am Samstag gegen Borussia Dortmund ein anderes Kaliber als Piräus.

Normalerweise wäre dieser Abend einer gewesen, der schnell abgehakt worden wäre. Ein normaler Sieg, zwei Tore geschossen, keines kassiert, dazu den Einzug ins Achtelfinale der Champions League gesichert. Alles okay, hätte man gesagt – wenn sich dieser Club nicht im Ausnahmezustand befinden würde. An der Seitenlinie steht ein Mann, von dem man noch nicht genau weiß, wie lange er dort stehen wird. Und auf dem Rasen eine Mannschaft, die nach der Trennung von Niko Kovac zwar am Mittwoch einen Schritt nach vorne gemacht hat, aber lange nicht über den berühmten Berg ist. Thomas Müller fasste die Situation treffend zusammen. Man sei „nicht ganz so himmelhochjauchzend, aber überzeugend zu null gespielt zu haben, stimmt uns fürs Erste zufrieden“.

In turbulenten Tagen wird man ja auch beim großen FC Bayern bescheiden, vor allem Manuel Neuer freute sich daher über den beschäftigungsarmen Abend. Der Bayern-Kapitän hatte zuletzt Mitte September nicht hinter sich langen müssen, „trotzdem“, sagte er, „war es nicht nur für mich, sondern für uns als gesamte Mannschaft wichtig, die drei Punkte zu holen“. Man habe sich vorgenommen, „ein anderes Gesicht zu zeigen und ein wenig für Ruhe zu sorgen“. Das ist gelungen, wenngleich nicht nur Flick mit Blick auf die magere Ausbeute von zwei Toren bei 27 Versuchen feststellte, dass „noch Luft nach oben ist“.

Die gibt es auch in anderen Bereichen, die Trennung von Kovac hatte augenscheinlich keinen entfesselnden Effekt. Aber wenn man die Beteiligten so sprechen hörte, hatte das auch jeder so erwartet. Torschütze Robert Lewandowski bezeichnete die Entlassung gar als „Niederlage für die Spieler“, von der man sich erst mal erholen müsse. Auch Neuer sagte: „Hätten wir erfolgreich gespielt, wäre das nicht passiert.“ Flick hatte mit der Aufstellung – Thiago und Coutinho auf die Bank, Joshua Kimmich und Leon Goretzka als Mittelfeld-Stabilisatoren – versucht, Akzente zu setzen. Auch die Viererkette um Benjamin Pavard, David Alaba, Javi Martinez und Alphonso Davies sollte sich mit Blick auf Samstag einspielen. Denn anders als die Partie gegen Piräus hat jene gegen Dortmund das Potenzial, eine Wende herbeizuführen – oder aber die Krise zu verschärfen. Ein Schicksalsspiel in vielerlei Hinsicht.

„Mit Blick auf die Meisterschaft ist das extrem wichtig“, sagte Neuer, der wie alle anderen beobachtet hatte, „dass die Tendenz beim BVB positiv ist“. Das 3:2 gegen Inter Mailand hat sicherlich mehr Energie freigesetzt als Bayerns 2:0 gegen Piräus, von der Trainerdebatte (siehe Text nächste Seite) will sich das Team daher nicht noch zusätzlich ablenken lassen. „Der Fokus richtet sich auf das Spiel“, sagte Neuer, Goretzka versicherte: „Wir sind uns bewusst, dass es um mehr geht als drei Punkte.“

Wie ernst man Worte wie „wir sind alle heiß drauf“ (Goretzka) nehmen kann, wird sich noch zeigen. Giftpfeile in Richtung Dortmund flogen schon mal nicht, man gibt sich motiviert, aber kleinlaut. Dass die Energiespeicher noch in der Nacht gefüllt wurden, kann nur helfen. Zu lösen ist aber auch noch das Kopf-Problem.

Artikel 1 von 11