Hat sich was verändert?

von Redaktion

Zehn Jahre nach Robert Enkes Freitod: Jörg Neblung, der sein Freund und Berater war, zieht Bilanz

VON GÜNTER KLEIN

München – Am Dienstagabend saß Teresa Enke in der im Ersten ausgestrahlten NDR-Talkshow, und sie und ihr Thema schienen zunächst nicht hinzupassen in diese Runde mit beherzt blödelnden Schauspielern, erfolgsstrahlenden Sportstars (Jan Frodeno, Malaika Mihambo) und jungen Pianisten. Doch als die Witwe von Robert Enke drankam, wurde es still im Studio. Und sie erzählte dann die Geschichte, die sich am 10. November zum zehnten Mal jährt: Wie er nicht nach Hause kam vom Training bei Hannover 96, sie immer unruhiger wurde und sie die Sirenen hörte. Robert Enke hatte den Freitod gewählt, sich auf die Schienen gestellt, als der Zug kam.

Jeder hat noch eine Erinnerung an seine Empfindungen bei dieser Nachricht, die er vielleicht im Videotext las, als grün auf schwarz festgehaltene unwiderrufliche Brutalität. Man hat auch Szenen der Trauerfeier im Hannoveraner Stadion vor Augen. Und Ausschnitte aus der sehr guten Rede des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und die a cappella vorgetragene Vereinshymne „96, alte Liebe“ im Ohr. Deutschland stand still. Und war überfordert mit der Auflösung der Frage: Wie kann einer seinem Leben ein Ende setzen, um das ihn viele beneideten? Weil sie halt nur die Oberfläche sahen. Das Geld. Die Beliebtheit. Die Erfüllung, die das Spiel gibt. Die Deutschen haben in den Tagen und Jahren nach Robert Enkes Suizid aber vieles erfahren über Depressionen.

Der zehnte Jahrestag – der Begriff Jubiläum würde unangebracht wirken – wirft nun eine weitere Frage auf. Nämlich die, ob sich durch Robert Enkes Tod etwas geändert hat. Im Umgang mit Krankheiten und im Umgang der Menschen miteinander. Jörg Neblung verfolgt diese Frage in besonderem Maße, er bekommt sie derzeit häufig gestellt, weil er in Sachen Enke ein Top-Ansprechpartner ist. Er war sein Freund und (Spieler-)Berater, er ist der Sache verbunden geblieben und Kuratoriumsmitglied der von Teresa gegründeten Robert-Enke-Stiftung.

Am Montag fuhr er mit seinem alten Freund Michael Sternkopf (spielte in den 90er-Jahren mal beim FC Bayern) nach Hannover zu einer Enke-Veranstaltung mit dem Stargast Uli Hoeneß. „Sterni“, sagt Neblung, „ist einer von denen, die sagen: Es hat sich nichts geändert, es ist alles noch schlimmer geworden. Er ist da fatalistisch. Er widerspricht mir und der Stiftung.“

In dem einen Punkt würde Neblung Sternkopf allerdings Recht geben: Der Ton in allen Diskussionen und Beurteilungen hat sich auch durch die sozialen Medien verschärft. Da sieht er den Gesetzgeber in der Pflicht, „dass was unternommen wird gegen Hass im Netz, wie ihn etwa Renate Künast erfährt“ und wie er viele Prominente trifft. „Wir werden auch“, führt Neblung aus, „den Fußball nicht verändern. Es wird immer populistische Schlagzeilen im Boulevard geben, kollektive Sechser-Benotungen. Fans werden weiter pöbeln gegen Schwule und Depressive, Fußball wird Survival of the Fittest sein.“ Verdrängungskampf, da nur elf Spieler auf dem Platz stehen können.

Dennoch habe sich einiges verändert, findet Jörg Neblung. „Wir haben die Bedingungen rundherum für die Spieler verbessert.“ Er hat sich da sehr engagiert beim Aufbau eines Netzwerkes mit Psychologen und Psychiatern. „Ich musste mich da auch erst durchfragen und habe bei der Sporthochschule Köln angefangen“, blickt er auf zehn Jahre Arbeit zurück.

Depression ist nun kein Krankheitsbild mehr, das man nicht greifen könnte. Teresa Enke hat dieser Tage gesagt: „Es ist eine Stoffwechselerkrankung.“ Also ein biochemischer Vorgang. Jörg Neblung ergänzt: „Depression hat viele Nuancen. Sie kann auch einer genetischen Disposition entspringen oder einem frühkindlichen Trauma.“ Oft muss mit Medikamenten therapiert werden, manchmal auch mit Gesprächen. Die Kassiererin an der Discountkasse, von der man annimmt, sie würde keinen großen Leistungsdruck verspüren, könne einen Burn-Out bekommen – und wie Robert Enke auch der verehrte Höchstleistungssportler. Die Spezifika des Profigeschäfts können „den Ausbruch der Krankheit beschleunigen“, doch sie sind nicht ursächlich. Es muss was da gewesen sein. „Robert war sicher ein Spieler mit schwacher Psyche.“

Den besten Moment der zehn Jahre seit Robert Enkes Tod erlebte Jörg Neblung, als er einem Spieler über das Netzwerk der Stiftung schnelle Hilfe zukommen lassen konnte. Und ihm hat die Geschichte von Danny Rose Mut gemacht: Englischer Nationalspieler (Tottenham), der bekannt gab, dass er unter Depressionen leidet, der dann zur Therapie ging und bei der WM 2018 wieder im Nationalteam stand.

Teresa Enke ist sehr aktiv rund um den zehnten Jahrestag. Sie schrieb dem Lokführer des Zuges vom 10. November 2009, sie stellte eine Virtual-Reality-Brille vor, mit der sich vielleicht erahnen lässt, wie in einer depressiven Phase die Welt sich verfinstert.

„Der Schmerz hat sich in Dankbarkeit gewandelt“ über das, was sie nun tun kann, sagt Teresa Enke, „ich stehe im Leben und bin ein glücklicher Mensch“. Sie lacht – etwa über die Frisur von Robert auf einem alten Bild aus der Zeit, als sie sich kennenlernten.

Teresa Enke hat in die Talkshow gepasst. Und ihr Thema auch. Es gehört zum Leben.

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