„Die Bayern trauern noch Guardiola nach“

von Redaktion

Michael Rummenigge über die verzwickte Trainersuche, Favres Laufleistung und Flicks Ruhe

München – Natürlich war Michael Rummenigge am Freitag auf dem Weg nach München, denn als ehemaliger Bayern- und BVB-Spieler lässt man sich das Topspiel nicht entgehen. Am Samstag (18.30 Uhr) wird der 55-Jährige auf der Tribüne der Allianz Arena sitzen. Sein Tipp: „1:1 oder 2:2.“ Vorab beleuchtet er den „Clásico“ im Interview.

Herr Rummenigge, der BVB hat in den letzten fünf Spielen in München eine Horrorbilanz von 3:22-Toren – und kommt trotzdem selbstbewusst zu Bayern.

Ja, und wissen Sie warum? Weil dieses 3:2 gegen Inter sehr viel Selbstvertrauen gegeben hat. Ehrlich gesagt wollte ich nach dem 0:2 nach Hause gehen, wie viele andere auch. Aber dann ist etwas Unglaubliches passiert. Lucien Favre muss den Jungs erklärt haben: Freunde, wenn wir heute hier verlieren, können wir uns die Champions League abschminken. Das hat gewirkt. Es war Wahnsinn, wie der Funke nach der Pause auf den Rasen übergesprungen ist. Die Spieler wurden getragen, die Leute im Stadion waren fassungslos.

Ist der BVB also zurück in der Spur – oder noch labil?

Wenn man diese zweite Halbzeit mal nimmt, war das ein Schritt zurück in die richtige Spur. Man hat gesehen, was die Mannschaft zu leisten imstande ist, gerade die jungen Spieler wie Hakimi, Brandt und selbst Götze. Ich nenne es mal: ´das Dortmund mit den zwei Gesichtern. Ich hätte ihnen diese Leistungssteigerung nicht zugetraut.

Julian Brandt haben Sie jüngst als „C-Jugend-Fußballer“ bezeichnet. Was sagen Sie nun?

Die Aussage habe ich nach dem ersten Inter-Spiel gemacht, 95 Prozent seiner Bälle kamen beim Gegner an, er hat keinen Zweikampf gewonnen. Das geht in der Champions League nicht! Das ist Männerfußball! Ich halte ihn für einen Führungsspieler, deshalb habe ich mich so geärgert damals. Man sieht seine Klasse noch zu selten.

Welche Rolle spielt der neue, extrovertierte Lucien Favre?

Eine große. Ich habe ihn noch nie so an der Linie gesehen wie beim Spiel gegen Inter. Er ist fast so viel gelaufen wie Antonio Conte – und der hat acht Kilometer zurückgelegt (lacht). Favre hat mit Händen und Füßen gearbeitet. Selbst Joachim Watzke sagt ja, dass ihm das gut steht. Ein Imagewandel ist nicht schlecht. Neue Dinge auszuprobieren, kann helfen.

Auch, um in München zu bestehen?

Auf jeden Fall. Beim 0:5 in der vergangenen Saison wurde viel zu defensiv agiert, der BVB darf sich ruhig etwas zutrauen. Und bei den Münchnern läuft es ja auch nicht so rund, sonst hätte man nicht als erster Verein den Trainer entlassen, zum ersten Mal in der Geschichte. Ich glaube, dass es ein Spiel auf Augenhöhe werden könnte. Eine kleine Wundertüte.

Ist es für die Bayern ein Schicksalsspiel?

Die Saison ist noch lang. Aber bezogen auf die Entlassung von Niko Kovac möchte ich schon sagen: Es war besser, den Schritt zu gehen. Auch wenn man es gegen Piräus noch nicht gesehen hat: Das war eine Befreiung für die Mannschaft. Ein Sieg gegen Dortmund könnte da jetzt viel freisetzen.

Geht es schon um die Meisterschaft?

Nein, es ist noch lange zu spielen. Aber man könnte ein Ausrufezeichen setzen. Wobei ich sowieso denke, dass sich die ganze Tabelle in den nächsten Spieltagen relativieren wird. Vor allem Gladbach als Tabellenführer wird nicht ewig bleiben. Die Bayern werden die Zügel anziehen, außerdem traue ich Leipzig eine Menge zu. Auf jeden Fall ist die Liga viel spannender als die Jahre zuvor. Für die Zuschauer ist das schön, für die Bayern eher nicht (lacht).

Was würde bei einer Bayern-Pleite passieren?

Die Unruhe würde bleiben. Derjenige, der das Spiel verliert, hat medial zwei Wochen richtig Druck.

Würden Sie gerne in Hansi Flicks Haut stecken?

Der Hansi ist ein ganz feiner Kerl, ich kenne ihn ja noch aus aktiven Zeiten in München. Er hat bei der Nationalmannschaft einen super Job gemacht und macht das auch jetzt. Dass er sich Herrmann Gerland geholt hat, war genau richtig. Die beiden machen das schon. Und wenn es keinen besseren Trainer gibt und sie Erfolg haben, können sie es ja auch länger machen.

Auch bis zum Sommer?

Natürlich. Hansi ist ruhig, sachlich, total angenehm. Er hat viel Erfahrung, auch drumherum um den Fußball. Er ist einer, der sich fortbildet, sogar bei Pep Guardiola in Manchester hospitiert. Nur: Wenn er keine Ergebnisse liefert, wird es schwer.

Er stützt sich auf altbewährte Kräfte wie Thomas Müller und Javi Martinez.

Wenn Niko Kovac clever gewesen wäre, hätte er Martinez schon früher eingebaut. Und Müller kann jedes Spiel beleben, immer ein Tor schießen. Zudem ist er eine feste Größe beim FC Bayern, solche Leute brauchst du jetzt.

Im Hintergrund läuft die Trainersuche. Ihr Bruder hat da keine leichte Aufgabe im Moment, oder?

Alle drei, also Karl-Heinz, Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic auch. Da macht keiner einen Alleingang. Nur sind einfach nicht so viele Trainer auf dem Markt, die infrage kommen.

Arséne Wenger wird es schon mal nicht.

Der ist ja noch älter als Karl-Heinz und Uli (lacht). Da weiß ich nicht, ob das der beste Mann für Bayern München gewesen wäre.

Jose Mourinho?

Auch nicht so ganz. Ob der zu den Großkopferten beim FC Bayern passt? Auch das ist nicht einfach, sich da der fachlichen Kompetenz der ehemaligen Weltklassespieler zu fügen, die den Verein seit Jahrzehnten auf sensationellem Nivea führen.

Wer ist denn Ihr Favorit?

Erik ten Hag finde ich nicht schlecht, der hat zwei Jahre die zweite Mannschaft trainiert, bei Ajax große Erfolge gefeiert. Aber er kann erst zur neuen Saison. Genau wie Thomas Tuchel. Ich musste aber vor allem wegen Ralf Rangnick schmunzeln.

Warum?

Sein Berater sagt öffentlich ab, dabei glaube ich nicht, dass irgendjemand bei Bayern eine Sekunde an Rangnick gedacht hat. Der Professor beim FC Bayern – das soll keine Beleidigung sein, aber: Das passt wirklich nicht.

Wie wichtig wäre Kontinuität auf der Position?

Sehr wichtig. Ich glaube, man trauert deshalb auch immer noch Pep Guardiola hinterher. Das war eine Ära. Er hat jeden Einzelnen besser gemacht. Die Bayern wollten verlängern, er wollte gehen. Ihn zu ersetzen, ist bisher nicht gelungen. Die Ansprüche sind hoch.

Interview: Hanna Raif

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