In den Gummibärchen steckt Chili

von Redaktion

Klare Botschaft beim Deutschland-Cup: DEL soll die Zahl ihrer Importspieler senken

VON GÜNTER KLEIN

Krefeld – Toni Söderholm, seit knapp einem Jahr Eishockey-Bundestrainer, versteht es, seine Mannschaft zu überraschen. In Krefeld ging er nach einem Training mit der Süßigkeiten-Box durch die Kabine. Und bot den Spielern an, zuzugreifen.

Maxi Kastner vom EHC München wusste gleich: Es ist Vorsicht geboten. Er spielte erstmals unter dem Trainer Söderholm, „aber ich habe ihn in München ja noch als Mitspieler erlebt.“ Ein Jahr war das, in der ersten Meistersaison, 2015/16. „Toni war immer für einen Scherz gut.“ Kastner lehnte dankend ab, als der Finne ihm die Schachtel hinhielt. Sein Nebenmann in der Nationalmannschaftskabine, der Nürnberger Torwart Niklas Treutle, nahm sich ein Gummibärchen, schob es in den Mund. Dort dann die – unangenehme – Überraschung. Es war Naschwerk der Spezial-edition Söderholm – mit Chili. Resultat: verzogene Mienen, Protestrufe gegen den Trainer, der in sich hineingrinste.

Stefan Schaidnagel ist der starke Mann im Deutschen Eishockey-Bund (DEB), sein Titel lautet „Sportdirektor mit Generalverantwortung für das deutsche Eishockey“, und in dieser Funktion agiert er so ähnlich wie der von ihm als Trainer ausgesuchte Söderholm. Das süße Konfekt dieser Tage war eine überzeugende Vorstellung des Teams beim Deutschland-Cup in Krefeld, doch die Pralinen (4:3 gegen Russland, unglückliche 3:4-Verlängerungsniederlage gegen die Schweiz, 2:3 abermals nach Overtime gegen die Slowakei zum Abschluss am Sonntag gegen die Slowakei und in dem sehr ausgeglichenen Feld somit immer gepunktet und Turnierplatz zwei hinter der Schweiz belegt) hatten eine Füllung, die nicht jedem schmeckt.

In die Stunden der allgemeinen Zufriedenheit, dass auch eine B-Mannschaft beherzt aufspielt, internationales Tempo mitgeht und sogar gegen Russland auf dem Eis die Initiative übernimmt, platzierte Stefan Schaidnagel nicht nur eine Botschaft, sondern eine Forderung: Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) solle sich nun endlich daran machen, ihr opulentes Kontingent an Importspielern zu reduzieren. Am besten schon in der kommenden Saison. Gespräche mit der Liga stünden in den nächsten Tagen an.

Es gehe darum, „die Entwicklungen der vergangenen Jahre zu vergolden“, sagt der Allgäuer. Olympische Silbermedaille 2018, WM-Viertelfinale 2019, Weltranglistenplatz sieben (vor der Schweiz), die U 18 und die U 20 aufgestiegen, zwei Jahre in Folge Erstrunden-Draftpicks durch die NHL (2018: Dominik Bokk, 2019: Moritz Seider), drei 17-jährige Stars (Stützle, Peterka, Reichel) in der Liga – für Schaidnagel unabdingbar, „dass wir Nachhaltigkeit schaffen“.

Bisher können die 14 Clubs der DEL elf „Ausländer pro Saison“ verpflichten und pro Spiel neun einsetzen. Ein Strategiepapier sieht bis 2026 den Abbau auf sechs Stellen vor – doch Schaidnagel will schneller handeln. Und nachdem man übereingekommen ist, in der laufenden Saison schon den Einsatz von zwei U 23-Spielern vorzuschreiben (sonst darf man nicht in voller Mannschaftsstärke aufstellen) wäre es für den Sportdirektor die „logische Konsequenz“, die Importlizenzen zu reduzieren.

Munitioniert sieht er sich durch die Darbietungen beim Deutschland-Cup: „Gegen Russland hatten unsere Jungs die ersten zehn Minuten einen steifen Hals und Knoten in den Beinen, dann haben sie sich reingespielt.“ Und gezeigt, dass sie es nicht verdienen, in ihren Vereinen in den hinteren Reihen zu spielen. Wird Schaidnagel sich durchsetzen? Die DEL hielt an ihrem großen Ausländerkontingent fest, weil die Vereine glauben, ihre Kader dadurch preisgünstiger gestalten zu können. Schaidnagel hält die Theorie vom teuren deutschen und dem billigeren Nordamerika-Import für eine Mär. Zwei Lehren treffen aufeinander. Franz Reindl, Präsident des DEB, regt wenigstens eine sanfte Reduzierung von neun auf acht Ausländer an; „Nach acht Jahren kann man das machen. Wir haben die jungen Spieler.“

Schaidnagel treibt Reformen in einer Entschlossenheit voran, die dem deutschen Eishockey fremd ist, er will keine Stagnation zulassen. Spielen die Vereine mit? Greifen sie in Schaidnagels Tüte – oder sind sie misstrauisch? Auch Söderholms Gummibärchen gingen nicht weg wie vom Trainer gewünscht. „90 Prozent der Spieler“, sagt Stürmer Felix Schütz, „haben abgelehnt.“

Artikel 6 von 11