München – Wer das Duell zwischen dem FC Bayern und dem BVB nicht sehen konnte – zum Beispiel, wenn man sich für„Sky Go“ entschieden hatte (Streamingprobleme) – brauchte nach dem Spiel nicht lange suchen, um das Ergebnis zu erfahren: es genügte ein Blick in das Gesicht von Lucien Favre. Der BVB-Coach schlich kreideweiß durch die Katakomben der Allianz Arena, als hätte er einen Geist gesehen. Und gewissermaßen hatte er das ja auch. Was seine Mannschaft beim 0:4 in der Allianz Arena bot, war nicht mit irdischen Maßstäben zu erklären.
Dementsprechend knapp fiel Favres Bewertung für seine Elf aus: „Viel zu wenig, viel zu wenig“, lauteten seine kurzen wie mantraartigen Ausführungen. Noch weniger erkannte sein Sportdirektor in der Darbietung. Als eine „Nichtleistung“ deklarierte Michael Zorc die 90 schwarz-gelben Minuten in einem Spitzenspiel mit nur einer Spitzenmannschaft. Zwar gehört es nach solchen entlarvenden Niederlagen zum Manager- und Trainerhandwerk, sich möglichst drastisch zu äußern, um den Eindruck zu vermitteln, man habe den Ernst der Lage erkannt. Die Dortmunder müssen sich in der Länderspielpause jedoch sehr wohl die Fragen gefallen lassen: Wie stark ist der selbst ernannte Meisterschaftsfavorit wirklich? Und kann dieser Trainer den BVB noch auf Kurs bringen?
Vor dem 0:4-Debakel beim Rekordmeister waren die Hoffnungen groß im Ruhrgebiet, das Ruder rumgerissen zu haben. Zu spektakulär war der Hoffnungsanker aus der Champions League. Wie das Team ein 0:2 gegen die italienische Spitzenmannschaft Inter Mailand drehen konnte, erinnert schon sehr an rauschende BVB-Fußballfeste aus der Klopp-Ära. Vor dem als Coup. gegen die Mailänder konnte die Favre-Mannschaft in der Bundesliga zwar gegen Gladbach und Wolfsburg gewinnen, jedoch ohne Glanz. Dafür glänzte die Leistung in den zweiten 45 Minuten gegen Inter dann umso mehr.
Die Champions League als Knotenlöser – so der simple Dortmunder Plan, der sich allerdings als praxisuntauglich entpuppte.
Die Königsklasse als Indikator für die eigene Stärke? Klingt bekannt. Auch der FC Bayern wähnte sich nach dem 7:2-Auswärtserfolg gegen Tottenham Hotspur bereits wieder in der europäischen Elite und Niko Kovac auf dem Pfad des Erfolgs. Prompt folgte die Ernüchterung: Nicht die Spiele gegen Hoffenheim, Berlin oder Augsburg waren Ausrutscher, sondern der Galaauftritt in London. Der BVB muss nach der Länderspielpause aufpassen, dass das Dortmunder Tottenham sicht nicht als Inter Mailand getarnt hat.
In der Zwischenzeit wird mit Sicherheit eine gute alte Bekannte wieder tief im Westen auftauchen: Die „M-Frage“ – auch bekannt als die Mentalitätsdebatte. In München konnte der BVB nur 43 Prozent der Zweikämpfe gewinnen. Die Fehlpassquote lag 17,1 Prozent.
Von dem von Geschäftsführer Zorc geforderten „Männerfußball“ war nicht zu erkennen, wenn Zorc mit seiner seltsamen Terminologie Aggressivität und Klarheit in den Aktionen gemeint hatte. Bis auf Mats Hummels fehlt dem Team ein Führungsspieler, an dem sich talentierte Spieler wie Julian Brandt oder Thorgan Hazard orientieren. Marco Reus wird immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen und reist auch nicht zum DFB-Team für die nächsten Länderspiele. Axel Witsel wäre so ein Charakter – doch der Belgier ist nur ein Schatten der letzten Hinrunde und mit sich und seinen (Nicht)-Leistungen beschäftigt. Kritiker mögen einwenden, dass auch bei den schwarzgelben Titeln solche Typen auf dem Platz Mangelware waren und das Kollektiv es regelte.
Richtig, damals stand der emotionale Führer nicht auf dem Platz, sondern daneben und sein Namen lautete: Jürgen Klopp.