Von der Leidensgeschichte zur Leichtathletik

von Redaktion

Maria Tietze startet bei der Para-WM in Dubai als Sprinterin und Weitspringerin – nach 18 Operationen

Dubai – Am Anfang denkt Maria Tietze, sie habe nur ein paar Brüche. Sie denkt, „dass ich in sechs Wochen wieder Fußball spielen kann“. Doch es kommt anders: Die Sportlerin muss neun Wochen im Krankenhaus bleiben und wird 18 Mal operiert. Sieben Monate später wird ihr linker Unterschenkel amputiert. Aufgegeben hat Tietze aber nie: Als Fußballerin mit Prothese ist sie heute ein Musterbeispiel, startet als Sprinterin und Weitspringerin bei den Weltmeisterschaften der Para-Leichtathleten in Dubai.

Im Juli 2015, eine Woche vor der Abschlussprüfung an der Uni, wird die damals 26-Jährige mit dem Motorrad von einem Auto erfasst. Die erste Diagnose: Bruch des Sprunggelenks, der Fußwurzel sowie des Schien- und Wadenbeins. Es beginnt eine scheinbar unendliche Kranken-Geschichte.

„Ich war ein großes Rätsel“, sagt Tietze heute. Was genau sie alles hatte, wusste sie nicht. „Und das war auch gut so“, ist sie überzeugt: “So habe ich nie mein Ziel verloren. Ich dachte immer: Ich kann wieder Fußball spielen. Es geht nur um die Zeit, die es dauert.“ Einmal brechen die Ärzte eine für sieben Stunden geplante OP ab. Das Loch im Bein ist so groß, dass ein Experte für plastische Chirurgie ranmuss. Er entnimmt ihr einen Muskel aus den Adduktoren. Während des Eingriffs müssen zwei Notoperationen durchgeführt werden, am Ende wächst der Muskel nicht an. Die Ärzte entnehmen einen aus der Schulter. Das funktioniert. „Zwischendurch konnte ich nur den rechten Arm und den Kopf bewegen“, erzählt Tietze: “An allem anderen haben sie rumoperiert.“

Ostern 2016 kommt es dennoch zur Amputation. Der Vorteil ihrer langen Kranken-Geschichte: Tietze konnte sich darauf vorbereiten. „Wäre ich nach irgendeiner OP aufgewacht und das Bein wäre einfach weggewesen, hätte ich das – glaube ich – nicht verkraftet“, sagt sie. Die 30-Jährige entscheidet sich bewusst für die Amputation und gegen eine Versteifung. Es ist eine Entscheidung für den Sport. „Mit einem versteiften Fuß hätte ich nicht mal mehr laufen können.“

Nach der Operation folgt eine neunwöchige Reha zur Gewöhnung an die Prothesen. Zwei Tage danach steht sie wieder auf dem Fußballplatz. Zunächst als Co-Trainerin der Mädchen-Mannschaft. Erst im Tor, dann sogar im Mittelfeld bestreitet sie wieder Spiele. Tietze bekommt eine personenbezogene Spielgenehmigung. Der Antrag auf eine allgemeine Spielerlaubnis wird abgelehnt. Eigentlich nur um fit zu werden, geht sie zur Leichtathletik bei Bayer Leverkusen. Dort sehen sie ein großes Talent in ihr, „auch wenn wir ihr erst einmal den Fußball-Laufstil abtrainieren mussten“, wie Teammanager Jörg Frischmann lachend sagt.

Letztes Jahr in Berlin ist sie im Sprint und Weitsprung bei der EM dabei. Belegt im Weitsprung den vierten Platz. Bei der WM in Dubai hat sie jetzt laut Frischmann „eine Führungsrolle im Team übernommen“.        dpa

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