München – Friede, Freude, Flick? Nach der Machtdemonstration gegen Borussia Dortmund (4:0) ist das Lächeln zurück beim FC Bayern. Club und Spieler gehen mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause. Zumindest fast alle. Denn: Thiago, Coutinho, Tolisso, Perisic und Boateng müssen sich seit der Beförderung von Hansi Flick zum Übergangs-Chef Sorgen um ihre sportliche Zukunft machen.
Flick erklärte vor dem BVB-Spiel: „Ich habe selbst gespielt und war sauer, wenn ich nicht gespielt habe oder nur für wenige Minuten eingewechselt wurde.“ In der ersten Woche nach der Kovac-Entlassung hielten die Bankdrücker noch still. Aber auch der frühere Assistent von Bundestrainer Joachim Löw weiß, dass das nicht ewig so weiter geht. „Alle wissen, dass die Situation aktuell für jeden nicht ganz einfach ist“, sagte er. „Deswegen nimmt sich jeder ein Stück zurück.“
Die große Frage: Wie lange hält der Frieden? Michael Cuisance, 20, tanzte schon am Sonntag aus der Reihe. Der Mittelfeldmann kam zu spät zum Treffpunkt der FCB-Amateure vor dem Spiel gegen Magdeburg (2:1), wurde deshalb aus der Startelf gestrichen. Angeblich hatte Cuisance Probleme dabei gehabt, seine Schuhe aus dem Profitrakt zu holen.
Jerome Boateng
Das Debakel in Frankfurt (1:5) kostete nicht nur Niko Kovac den Job als Bayern-Trainer, sondern auch Boateng die Chance, sich bei Hansi Flick für einen Stammplatz zu empfehlen. Der 31-Jährige sah gegen die Eintracht nach zehn Minuten Rot – und weil Flick gegen Dortmund auf eine eingespielte Viererkette setzen wollte, musste Boateng auch gegen Piräus zuschauen. Ein weiterer Nachteil für den Weltmeister von 2014: Javi Martinez und David Alaba überzeugten als Innenverteidiger gegen den BVB, sind vorerst gesetzt.
Thiago
Gegen den BVB wirbelte im Mittelfeld ein echter Regisseur, verteilte Bälle, grätschte Gegner ab. Das Problem aus Thiagos Sicht: Dieser Mann trug blonde Haare und den Schriftzug „Kimmich“ auf dem Trikot. Flick hat den deutschen Nationalspieler wieder dorthin gestellt, wo er in dieser Saison seine besten Partien gemacht hat: ins defensive Mittelfeld. Folglich ist für Thiago bisher zweimal kein Platz gewesen. Der Spanier kommt unter Flick auf einen Einsatz – mit mageren 18 Minuten Spielzeit. Ein Zustand, den Thiago nicht lange akzeptieren wird.
Philippe Coutinho
„Das sieht teilweise aus wie Tanzen mit dem Ball“ – diese Worte über Coutinho fielen Ende September nach dem 3:2-Sieg in Paderborn. Gesagt hat sie der inzwischen entlassene Kovac. Mit dem Kroaten ging ein großer Fan der Barça-Leihgabe von Bord. Um im Bild zu bleiben: Derzeit ist bei Coutinho eher Blues statt Samba angesagt. Denn: Flick setzt auf Thomas Müller, der unter Kovac nur noch Notnagel-Status hatte. Müller zahlte das Vertrauen am Samstag mit zwei Assists zurück.
Ivan Perisic
Ein Blick auf die jubelnde Bayern-Mannschaft reichte am Samstagabend aus, um Aufschlüsse über den Gemütszustand von Perisic zu gewinnen. Als seine Teamkollegen den Sieg ausgelassen vor der Südkurve feierten, war Perisic unschlüssig, ob er sich nun der roten Party anschließen oder lieber zu seiner Familie auf der Westtribüne steuern sollte. Immerhin: Der 30-jährige Kroate, ausgeliehen von Inter Mailand, nutzte seine 17 Einsatzminuten unter Hansi Flick für beste Eigenwerbung: Gegen Piräus traf er zum 2:0, gegen Dortmund leitete er das Hummels-Eigentor ein.
Corentin Tolisso
Harte Wochen für den Weltmeister. Flick setzt in seinem 4-3-3-System zwar auf zwei Spieler vor Sechser Joshua Kimmich, bislang hatten aber Thomas Müller und Leon Goretzka die Nase vorn. Gegen Piräus durfte Tolisso acht Minuten mitmischen, gegen Dortmund musste er 90 Minuten von der Bank aus zuschauen. Nach Abpfiff dampfte der Franzose schnurstracks in die Kabine ab. Eine Viertelstunde nach Abpfiff marschierte er wortlos durch die Mixed Zone. Die Länderspiele kommen gerade recht. JONAS AUSTERMANN