London – Am Abend zuvor hatten sie sich ein Doppel angeschaut, um zu wissen, was sie erwarten würde. Nicht im Spiel, damit kennen sie sich ja gut genug aus. Es ging eher um das Drumherum in dieser sehr speziellen Atmosphäre mit wummernden Herzschlag-Bässen, waberndem Rauch und mehr als nur einem Hauch des Besonderen.
Keine Frage, Kevin Krawietz und Andreas Mies freuten sich mächtig auf ihr Premiere bei den ATP Finals, und sie erlebten es am Tag danach tatsächlich mit Gänsehaut. Seit ihrem überwältigenden Sieg bei den French Open hatten die beiden an diesen Termin gedacht. Doch um zu begreifen, wie rasant sich das Tennisleben der deutschen Doppelspieler inzwischen verändert hat, hilft ein Blick weiter zurück. Mitte November vergangenen Jahres spielte Mies bei einem Challengerturnier in Bratislava, stand in der Doppel-Weltrangliste auf Platz 73 und verließ den Ort des Geschehens mit einem Preisgeld von 385 Dollar.
Krawietz spielte mit einem anderen Partner in Bangalore/Indien, stand in der Rangliste auf Platz 69 und zog mit einem Preisgeld von 540 Dollar nach einer Niederlage in Runde eins von dannen. Hätte man ihnen damals gesagt, sie würden zwölf Monate später in einer der größten Tennisarenen der Welt um einen der wichtigsten Titel spielen? „Dann hätten wir den Typen für völlig bescheuert gehalten“, sagt Mies. Doppel ist ein faszinierendes Spiel. Oft spannender, ereignisreicher, kompromissloser und dynamischer als Einzel. Doch selbst bei wichtigen Turnieren ist auf der ganz großen Bühne für die Doppelspiele bisweilen kein Platz, und die Zahl der Zuschauer hält sich im sehr überschaubaren Rahmen.
Bei den ATP Finals wird jedes Match auf dem Centre Court gespielt, manchmal vor 17.500 Zuschauern auf voll besetzten Rängen. „Es ist ein absolutes Highlight, hier zu sein“, sagt Krawietz, „wir wollen jeden Moment genießen, jeden Moment mitnehmen.“
Beim ersten Auftritt setzten sie ihren Plan jedenfalls bestens um. Die beiden gewannen gegen den Holländer Jean-Julien Rojer und Horia Tecau aus Rumänien 7:6, 4:6, 10:6. Auch in der Weltrangliste gehören die Deutschen inzwischen zu den besten acht der Welt, und in London ist jeder einzelne Sieg in der Vorrunde pro Nase 20 000 Dollar wert, zusätzlich zu den rund 50 000 Dollar, die allein für die Teilnahme fällig. Was in diesem Jahr bisher zusammen kam, wird in optimierte Betreuung durch Trainer und Physiotherapeuten auf den Tour und in eine hoffnungsvolle Zukunft investiert. Nach zwei Jahren, in denen sie oft genug aus der Privatkasse was drauflegen mussten. Aber Krawietz und Mies sind nicht die einzigen, die in dieser Woche in London mit offenen Augen das Leben auf der großen Bühne sehen.
Filip Polasek aus aus der Slowakei stand vor einem Jahr in der Weltrangliste auf Platz 161, nun ist er mit dem Kroaten Ivan Dodig qualifiziert, und die ganze Geschichte kommt ihm auch deshalb ziemlich irreal vor, weil er seine Karriere vor sechs Jahren wegen anhaltender Rückenprobleme schon mal beendet hatte. Danach war arbeitete er als Coach, dann als Tennislehrer, ließ sich später zu gelegentlichen Einsätzen in der Mannschaft des TC Augsburg überreden, und so startete er Ende 2018 in den zweiten Teil seiner Karriere – mit dem selben Rücken, aber ohne Rückenschmerzen. Bisheriger Höhepunkt war das Halbfinale in Wimbledon in diesem Jahr zusammen mit Dodig.
Und dann ist da der Brite Joe Salisbury. Der hatte seine Karriere im Einzel vor drei Jahren beendet. Doch ein Studienaufenthalt in den USA führte ihn zum Tennis zurück. In den vergangenen Jahren hatte er bei jeder Ausgabe der ATP Finals wenigstens einmal eine Eintrittskarte gekauft, um die Besten der Welt in dieser spektakulären Atmosphäre zu sehen. Nun gehört er selbst dazu und sagt, das alles sei fast zu gut, um wirklich wahr zu sein. DORIS HENKEL