Keine Frage: Der Sieg von Alexander Zverev zum Auftakt der Tennis-WM gegen Rafael Nadal war beeindruckend. Bei seinem 6:2, 6:4-Erfolg über den spanischen Rekordjäger dominierte der Deutsche über die gesamte Partie und ließ seinem Gegner keine Chance.
Aber noch ist es zu früh für übertriebene Euphorie: Rafael Nadal war meilenweit von seiner Bestform entfernt. Ungewohnt defensiv präsentiere sich der 19-fache Grand-Slam-Champion. Seine Topspin-Schläge entfalteten nie ihre gewohnte Aggressivität und seine Bälle kamen meist nicht über die gegnerische T-Linie hinaus. Die Nummer 1 der Weltrangliste ist nach seiner Bauchmuskelverletzung noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte – was nicht verwundert: Bis kurz vor Spielbeginn war nicht sicher, ob Nadal beim Jahresabschluss überhaupt aufschlägt. Im Training vor dem Halbfinale des Turniers von Paris zog sich der Spanier eine Bauchmuskelzerrung zu, setzte für einige Zeit mit dem Training aus und reiste erst kurzfristig nach London. Sollte sich seine körperliche Verfassung nicht verbessern, kann man sich kaum vorstellen, dass er noch ein weiteres Match in der englischen Hauptstadt bestreitet.
Doch all das muss Alexander Zverev nicht kümmern. Auch einen angeschlagenen Rafael Nadal muss man erst einmal so souverän vom Platz schießen. In Sicherheit darf sich der Titelverteidiger jedoch nicht wägen. Zu schwach waren seine Darbietungen über weite Strecken der Tennis-Saison – mit der Trennung von Supercoach Ivan Lendl als unrühmlichen Höhepunkt. Hoffentlich kann ihm sein gewohntes Umfeld mit Vater Alexander senior an der Spitze eine realistische Einschätzung des Sieges gegen Nadal vermitteln. Immer wieder weckte Zverev im letzten Jahr Hoffnungen, so dass sich Fans und Experten einig waren: Jetzt startet das Megatalent durch. Und prompt folgte eine ernüchternde Niederlage.
Für ein starkes Abschneiden in London spricht seine Psyche: Immer wenn er als Favorit in eine Begegnung geht, scheitert(e) er regelmäßig an den eigenen und externen Erwartungen. Als Nummer 7 der Welt ist er schon mathematisch im Turnier der besten acht Spieler so gut wie nie Favorit. In den nächsten Duellen wartet nun der griechische Shootingstar Stefanos Tsitsipas und mit Daniil Medwedew der Überspieler der letzten Monate.
Beste Voraussetzungen für den Außenseiter.
Daniel.Mueksch@ovb.net