London – Alexander Zverev sollte einen Antrag stellen, dass er nur noch auf diesem Platz spielen darf. Im vergangenen Jahr hatte er in Londons O2 Arena innerhalb von 24 Stunden Roger Federer und Novak Djokovic besiegt. Nun folgte Rafael Nadal, und in allen drei Fällen gewann er in zwei höchst überzeugenden Sätzen.
Beim Sieg gegen die Nummer eins der Welt in weniger als anderthalb Stunden schlug Zverev so gut auf wie vielleicht noch nie in diesem Jahr. Mehrfach rauschten seine Geschosse mit mehr als 230 km/h übers Netz, er gewann satte 88 Prozent aller ersten Aufschläge. Der Aufschlag sei riesig gewesen, fand auch Nadal. Der Spanier trat sicher nicht in bester Form nach der kürzlich erlittenen Bauchmuskelzerrung an und fasste die Sache hinterher so zusammen: „Sascha hat gut gespielt und ich schlecht. Aber vor allem hatte ich einfach nicht den richtigen Kampfgeist, und das ist enttäuschend.“ Es war der erste Zverev-Sieg nach fünf Niederlagen gegen Rafael Nadal, und eine solch massive Bestätigung kann er nach den Orientierungsläufen in diesem Jahr gut gebrauchen. Erste Siege nach einer Reihe von Niederlagen öffnen Türen und reduzieren Ballast, und so trifft es sich nicht schlecht, dass Alexander Zverev heute Abend (nicht vor 21 Uhr MEZ/Sky) dem Kollegen Stefanos Tsitsipas begegnet, der mit der gleichen Erfahrung ins Turnier startete. Fünfmal hatte er zuvor gegen Daniil Medwedew verloren. Zuletzt in Shanghai.
Doch danach versprach er seinem Team, beim nächsten Spiel nicht wieder zu verlieren, und dieses Versprechen löste er in London ziemlich überzeugend ein. Nach seinem Sieg in zwei Sätzen platzte er fast vor Freude. Nun wird man sehen, auf welcher Seite der Befreiungsakt mehr Kräfte freisetzt.
Bei Stefanos Tsitsipas, der zum ersten Mal für die ATP Finals qualifiziert ist, der in diesem Jahr zwei Titel gewann (Marseille und Estoril) und auf Platz sechs der Weltrangliste steht? Oder bei Alexander Zverev, der als Titelverteidiger zum dritten Mal in London dabei ist, der einen Titel gewann (Genf) und in der Rangliste hinter dem Griechen auf Platz sieben steht?
Der Gewinner hat beste Aussichten im Halbfinale zu landen. Zwischen Tsitsipas und Zverev knirschte es nach diversen Worten hüben wie drüben eine Weile lang im Beziehungsgeflecht.
Doch die gemeinsam verbrachte Woche Ende September beim Laver Cup in Genf half. Zverev sagt: „Der Laver Cup hat uns näher gebracht. Wir saßen oft nebeneinander beim Essen und beim Dinner und haben deshalb viel geredet. Ich hab ein bisschen seine Interessen kennen gelernt und er meine; es ist alles gut zwischen uns, würde ich sagen.“ DORIS HENKEL