Mönchengladbach – Joachim Löw, der Bundestrainer, der sich kürzlich zum wiederholten Mal zum Nichtraucher erklärt hatte, hinterließ auf der Tribünenrückseite des Borussia-Parks zwei Kippen. Ein kurzer Augenblick dessen, was man für sich als Belohnung empfindet, war jedem gestattet, nachdem die deutsche Nationalmannschaft die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020 mit einem 4:0-Sieg in Mönchengladbach realisiert hatte.
„Eskalieren werden wir aber nicht“, sagte Leon Goretzka, einer der Torschützen. Die „längste Theke der Welt“ in Düsseldorf, wo die Mannschaft bis gestern Nachmittag ihr Quartier aufgeschlagen hatte, lockte die Profis nicht. „Viel Zeit zum Feiern ist im Fußball nie“, meinte Goretzka, „aber es ist schön, dass wir ein Ziel erreicht haben.“ Daher: Innehalten, sich einen Blick zurück auf dieses Jahr gestatten.
Und merken: Es tut richtig gut, die Qualifikationsgruppe voraussichtlich mit Platz eins abzuschließen; man hat es in der Hand mit einem Sieg am Dienstag in Frankfurt gegen Nordirland.
Ohne Holland fährt man nicht zur EM, schon mit Holland, das bei normalem Verlauf des letzten Spieltags dann aber nur Zweiter wird. Das Tabellenbild, das sich erst am Samstag so ergab, verführt die deutschen Spieler zu einem Grinsen. Sie registrierten freudig das Ergebnis aus Belfast: Nordirland – Niederlande 0:0. „Überragend, die Nordiren“, sagte Joshua Kimmich – und verriet mit seiner Mimik, dass ihm auch ein Sieg der Briten gefallen hätte und somit „noch mehr Druck“ für Holland.
Es wurmt ihn, dass man den direkten Vergleich gegen den Nachbarn verlor: 3:2 gewonnen, aber das Rückspiel mit einer desaströsen zweiten Halbzeit 2:4 abgegeben. Joachim Löw hatte daraufhin den Gruppensieg abgeschrieben – und seiner Mannschaft immer wieder vorgehalten, dass sie derzeit auch hinter Oranje steht. „Die Holländer spielen schon länger zusammen, sind erfahrener, zweikampfstärker“, sagte er – und platzierte sie für sich sogar vor Spanien und neben England und Frankreich, die er für die vorrangigen Titelanwärter im nächsten Jahr hält.
„Es ist ein schönes Gefühl, dass wir es g in der Hand haben, als Gruppenerster abzuschließen“, erklärt Toni Kroos, „als Zweiter hätten wir die EM auch genommen.“ Doch qualifiziert ist nicht gleich qualifiziert. Denn durch das Abschneiden in den Gruppen entscheidet sich, in welchen Lostopf man von der UEFA gelegt wird. Das EM-Turnier mit 12 Austragungsorten wird kompliziert sein (Auslosung am 30. November in Bukarest), die Festlegung einer Rangliste jedoch nicht. Die UEFA fasst die zehn einzelnen Tabellen der Qualifikation zu einer einzigen zusammen, es geht nach Punkten und Tordifferenz, und kein Gruppenzweiter darf vor einem Ersten stehen. Deutschland ist Sechster – und das würde reichen, einer der sechs Gruppenköpfe zu sein. Mit einem Sieg am Dienstag wäre die Position verteidigt und, so Toni Kroos, „das Ziel souverän erreicht“.
Es geht in Frankfurt also darum, die Qualifikation rund zu machen. Löw wird personell leicht variieren, aber nicht alles umwerfen. Denn durch die Verletzungsmisere 2019 war er gezwungen, „viel zu experimentieren. Es wäre wichtig gewesen, ein paar Spiele mehr zu haben in der Formation, die man sich vorstellt“, so Toni Kroos.
„Der tabellarische Gesichtspunkt und die Tatsache, dass wir eine junge Truppe sind, die sich entwickeln will“ sprächen, so Anti-Feierbiest Leon Goretzka, dafür, „dass wir auch gegen Nordirland Vollgas geben werden.“