Stehplätze bei Länderspielen – das wär’s

von Redaktion

Idee von DFB-Präsident Fritz Keller, um den Zuschauerschwund zu stoppen – Gespräche mit Handballern

Mönchengladbach – Die Stimmung drohte in der ersten Halbzeit, als das 1:0 nicht fallen wollte, zu verflachen, da ging im Block des „Fanclubs Nationalmannschaft“ auf einmal das Getröte los. Blechbläser und Schlagzeuger, gewandet in Fellkostüme, Fanschals um den Hals geschlungen, intonierten „Seven Nation Army“, einen klassischen Stadion-Aufheizer.

In der Kurve ist bei Länderspielen alles inszeniert: die Choreografie – und nun auch die musikalische Untermalung. Denn dass sich spontan Fußballanhänger zu einer (professionell aufspielenden) Kapelle zusammengefunden haben, braucht man nicht zu glauben. Dem DFB war angesichts der Kartenvorverkaufszahlen bewusst, dass er was würde tun müssen, damit es im Borussia-Park nicht zu still bleibt. 33 164 Zuschauer waren gekommen – wobei der Oberrang hinter dem Tor, auf das Deutschland in der ersten Halbzeit spielte, komplett leergeblieben war.

Fritz Keller, der neue Präsident des DFB, ist besorgt von der Zuschauerentwicklung. Er hat eine kühne Idee, wie an den Schwund stoppen könnte – weiß aber um die geringen Aussichten, sie zu verwirklichen: „Man müsste wieder Stehplätze anbieten können bei Länderspielen.“

Die Dachverbände FIFA und UEFA haben als Folge von einigen Stadionkatastrophen in den 80er- und 90er-Jahren für internationale spiele die Sitzplatzpflicht eingeführt, daher müssen die Arenen, in denen es Stehplatzsektionen gibt, für Länder-, Champions- und Europa-League-Spiele jedes Mal umgerüstet werden – was Minimum 50 000 Euro kostet. Keller: „Mit Stehplätzen könnte man die Tickets billiger anbieten.“ Bei der UEFA hat der DFB für das gestrige U 21-Spiel gegen Belgien in Freiburg „eine Sondergenehmigung“ (Keller) erwirkt. Es gab Stehplätze. „Der Verkauf zog sofort an.“

Die von FIFA und UEFA vorangetriebenen Entwicklungen (die auch ihr Gutes haben) wird der DFB nicht aufhalten können. Einfluss will Fritz Keller, der Winzer aus Freiburg, jedoch nach innen nehmen. Ihm schwebt eine veränderte Kultur im Umgang mit den Schiedsrichtern vor. „Wir tauschen uns mit dem Deutschen Handball-Bund aus“, sagt er. Beim Handball wird bei einer Entscheidung des Referees nicht diskutiert, sondern der Ball auf den Boden gelegt und somit dem Gegner übergeben. „Und beim Rugby begegnet man dem Schiedsrichter mit so viel Respekt, dass man ihn ,Sir’ nennt.“

Ein weiterer Punkt der Fritz-Keller-Agenda: Sorgsam auswählen, mit wem man spielt. Gegen eine Mannschaft aus einem Land oder in einem Land, in dem Frauen diskriminiert werden, indem man ihnen etwa den Stadionbesuch verwehrt, will der DFB nicht antreten.

Katar als WM-Ausrichter 2022 wäre von diesem Bann aber nicht betroffen. dort, so DFB-Präsident Keller, dürften Frauen ja zum Fußball. Hier also schon mal kein deutscher Boykott. GÜNTER KLEIN

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