Mönchengladbach – Drei große Szenen von Manuel Neuer. Die erste: Wie er (12. Minute) im linken Mittelfeld den Ball erlief, verwertete, direkt weiterspielte – ganz im WM-2014-gegen-Algerien-Style. Dann kurz vor der Halbzeit: Sauber aufs Eck gezirkelter Schuss des Weißrussen Stasevich von der Strafraumgrenze aus – Neuer flog hoch Richtung Winkel, wo der Ball eingeschlagen hätte. Schließlich noch der Elfmetermoment (74. Minute) und ein neuerlicher Sieg gegen Stasevich. Neuer hatte ein Gespür fürs Eck. Er war dran. Mit dem Parier-Arm. Sonst gibt der Torhüter und Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft ja öfter Anlass, sich über seinen Reklamier-Arm lustig zu machen, der bei Gegentreffern aus Grundsatz nach oben schnellt.
Im hohen Fußballeralter von 33 Jahren ist Neuer ein Novum gelungen. Erstmals hielt er in einer DFB-Partie einen Elfmeter, der aus dem Spiel heraus entstanden war. „Im Elfmeterschießen gegen Italien hatte ich ja auch einige“, erinnerte Neuer an die EM 2016 und den Viertelfinal-Thriller – aber ja, tatsächlich, auch er erlebt noch was Neues. Fraglos: Es war das Spiel des Manuel Neuer, über den sein Vereinsboss Karl-Heinz Rummenigge am Freitagabend auf der Jahreshauptversammlung in München noch gesagt hatte, er sei „wohl der beste Torhüter, den es jemals gegeben hat“.
Diese Einordnung war eine Antwort darauf, dass noch einmal der Umgang des FC Bayern mit Neuers Rivalen Marc-Andre ter Stegen angesprochen worden war. Den Herausforderer aus Barcelona hätte man sich gut am Samstag im deutschen Tor vorstellen können – weil Mönchengladbach der Spielort war, ter Stegens Heimatverein. Dass Joachim Löw ihm nicht dieses Spiel gewährte (sondern erst das am Dienstag in Frankfurt), wurde dem Bundestrainer von Teilen der Medien als Instinktlosigkeit ausgelegt. Doch ihm war es wichtiger, das sportliche Zeichen zu setzen: Die Nummer eins ist dran in dem Spiel, das das zunächst wichtigere ist.
Das 4:0 gegen Weißrussland, der Türöffner zur EM, war auch ein Toni-Kroos-Spiel. Nicht nur wegen seiner beiden Tore. „Toni hat uns gutgetan, durch ihn bekommen wir Dominanz“, sagte Joshua Kimmich, der mit Kroos (29) und Ilkay Gündogan (29) in einer Art Dreier-Rotation die Mittelfeldpositionen besetzte. „Wir sind drei Spieler, die zusammenspielen wollen und wissen, was mit dem Ball zu tun ist“, meinte Kroos.
Der Real-Madrid-Star ist nicht mehr so unumstritten, wie er es noch bis zur WM 2018 war, zu der er heute anmerkt „dass wir da viele Leute hatten, die nicht in Form waren und nicht vorneweg gegangen sind“. Im Gegensatz zu ihm, so seine Wahrnehmung. Doch gefällt allen seine Haltung zur Nationalmannschaft? Er dosiert seine Einsätze, die Spiele im Oktober (Argentinien, Estland) ließ er aus.
„Er hat eine besondere Stellung“, so Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff, „über seine technische Qualität brauchen wir nicht zu diskutieren, er kann in schwierigen Momenten Halt und Rhythmus geben, und wir sind froh, dass er sich, obwohl jetzt Familienvater – zur Mannschaft bekannt hat.“ Aber? „Auch Toni muss sich der Konkurrenz stellen.“ Ein solcher Satz wäre im ersten Halbjahr 2018 noch nicht gefallen. Doch den personellen Cut in der Weltmeister-Generation hat Kroos überstanden. Der EM-Auftakt in München könnte sein 100. Länderspiel werden. „So weit habe ich noch gar nicht gerechnet“, sagt er.
Manuel Neuer wird am Dienstag nicht spielen, da ist ter Stegen dran. Ganz gefällt das dem Münchner nicht, er hatte am Mittwoch noch gesagt, „dass ich mich auf beide Spiele vorbereite“. Seine Aufgabe nun, leicht schmallippig formuliert: „Support geben.“