Frankfurt – Die deutsche Nationalmannschaft ist für die EM 2020 qualifiziert, das steht vor dem letzten Spiel gegen Nordirland (20.45 Uhr, RTL) fest. Und auch wenn sie bis zum Wiedersehen in eine viermonatige Pause geht, „in der wir dann“, so Stürmer Timo Werner, „natürlich an unsere Vereine denken“ – gelegentlich werden die Spieler abschätzen: Welche Chancen haben wir bei diesem Turnier?
Bundestrainer Joachim Löw rechnet seine Mannschaft „aktuell nicht“ zur ersten Garde der Favoriten – das sind für ihn Frankreich, England, Spanien, Italien, Niederlande – doch der Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff und die älteren Spieler wie Manuel Neuer hoffen 2020 auf den „Spirit von 2010“. Bei der WM in Südafrika hatte sich eine junge Truppe, von der nicht viel erwartet wurde, in die Weltspitze gespielt. Doch lässt sich 2019/20 mit 2009/10 vergleichen?
Die Spieler: Das WM-Team 2010 lebte im Kern von der U21, die im Jahr zuvor Europameister geworden war – mit der Generation Neuer, Boateng, Khedira, Höwedes, Özil.
Mats Hummels gehörte auch dazu, wurde 2010 aber noch nicht für Löws A-Mannschaft nominiert. Dafür die noch jüngeren Thomas Müller und Holger Badstuber. Ist die jetzige „Young Generation“ genauso gut? Jein.
Es gibt Ausnahmetalente wie Kai Havertz, Leroy Sané und Serge Gnabry, doch der letzte U-21-Jahrgang, Vizeeuropameister 2019, kann nicht diese Güteklasse aufbieten: Nadiem Amiri, Luca Waldschmidt und Suat Serdar werden es schwer haben, überhaupt in den Kader von Joachim Löw aufzusteigen.
Hierarchie: Die Leistungsexplosion des Teams 2010 hatte im Wesentlichen mit der Befreiung von Michael Ballack zu tun. Ballack war damals die Überfigur des deutschen Fußballs. Der Fixstern, der Coverboy auf den Sonderheften, der Top-Verdiener in der Werbung. Aber weil ihm das Tempo fehlte, intern umstritten. Dass er kurz vor der WM im englischen Pokalfinale schwer verletzt wurde, nahm die Öffentlichkeit als Drama wahr.
Die Spieler jedoch atmeten auf. Sie fühlten sich wohler ohne den Bestimmer aus London und dessen einflussreichen Manager Dr. Michael Becker, der aus seiner Rechtsanwaltskanzlei in Luxemburg über ihre Mittelmäßigkeit lästerte. Solch eine Konstellation gibt es 2019/20 nicht. Keiner der alteingesessenen Spieler (Neuer, Kroos) nimmt eine Rolle ein, wie Ballack sie hatte. Die Hierarchie in der Mannschaft ist ausgewogener.
Die Konkurrenz: 2009/10 begann der deutsche Fußball von seinen zehn Jahre zuvor etablierten Nachwuchsleistungszentren zu profitieren, plötzlich war er der Trendsetter in der Ausbildung. Internationale Journalisten strömten in Südafrika in die deutschen Pressekonferenzen, um das Geheimnis der DFB-Erneuerung zu ergründen.
Heute wird die NLZ-Ausbildung hinterfragt. Sie hat zu viele Positionsspezialisten geschaffen und keine Persönlichkeiten mehr hervorgebracht. „State of the Art“ ist nun, was die Engländer machen. Auch die Franzosen sind wieder vorne mit dabei. Rennmaschinen, die auch das Eins-gegen-eins beherrschen, überfluten den Markt.
2010 gab es diese Armada aufstrebender junger Spieler nicht. Das Turnier in Südafrika gehörte noch der alten Garde der Spanier (sie wurden Weltmeister) und Niederländern (Vize). Mit seinen „Mopeds“ (Niklas Süle über die Angreifer Sané, Gnabry, Werner) kommt der DFB den modernen Anforderungen wieder näher, als er ihnen 2018 war.
Der Trainer: Joachim Löw war als Chef erst im vierten Jahr im Amt. Die Deutschen liebten ihn, er galt als innovativer Geist und bescheidener Typ.
Inzwischen sind sie seiner überdrüssig und finden, er hätte aus der missratenen WM 2018 die Konsequenzen ziehen müssen. Nach einer kurzen Phase der Demut (WM-Bilanz: „Das war fast schon arrogant“, wie er an einem veralteten Spielstil festgehalten habe) ist Löw zurück im Sturheitsmodus.
Der DFB: Hat bis 2010 vieles richtig und dann bis 2020 vieles falsch gemacht. Die Nationalmannschaft wurde nach dem Erfolg von Südafrika (Platz drei) politisch überhöht und werblich ausgeschlachtet – so sehr, dass ihre Kundschaft sich verprellt fühlt. Nach dem WM-Titel 2014 verlor der Verband den Boden unter den Füßen. Die heutigen Diskussionen um Kommerzialisierung, Korruption (mutmaßlicher WM-Skandal 2006) waren ihm vor zehn Jahren fremd.
Fans: Für den neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller sind Fußball und die Nationalmannschaft „das letzte Lagerfeuer“. Die Zuschauerzahlen bei Länderspielen sprechen derzeit eher für eine Entfremdung. Zur WM 2010 waren 30 000 Deutsche in Südafrika – so viele kommen inzwischen gerade mal zu den Spielen um die Ecke. Und der komplizierte Modus des Turniers in zwölf Ländern wird die Reiselust nicht fördern.
2020 das neue 2010? Nein, diese Geschichte wiederholt sich nicht. Es muss eine andere geschrieben werden.