München – Wenn man unter den Tisch schaut, sieht man seinen rechten Fuß, mit dem er schon so viele Tore geschossen hat, etwa 2014, im WM-Halbfinale gegen die Brasilianer, zum 2:0, im Nachschuss. Jetzt aber steckt der Fuß in einem ziemlich schicken Lederschuh, wippt schnell auf und ab, als wäre der Mann, zu dem er gehört, gerade echt nervös.
Wenn man über den Tisch schaut, sieht man seine hochgegelten Haare und seine glatte Stirn, die immer noch so aussieht, als könne er mit ihr den Ball ins Tor wuchten, wie damals 2006, im WM-Viertelfinale gegen Argentinien, zum 1:1, ins linke Eck. Jetzt aber, um kurz nach 20 Uhr, dreht er seinen Kopf zu dem Mann, der ihm das nächste Bier hinstellt, grinst und sagt leise: „Im Buch steht doch, dass ich früh schlafen gehe.“
Am Mittwochabend sitzt Miroslav Klose, 41, dieser große deutsche Stürmer, auf einem Hocker in der Münchner Fußballkneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“ und erzählt etwas schüchtern, dass man in der italienischen Liga, wo er die letzten fünf Jahre seiner Karriere bei Lazio Rom verbrachte, nach den Spielen nicht Trikots, sondern Hosen tauscht. Wenn also ein Gegenspieler seine Hose wollte, habe er nur gesagt: Komm später in die Kabine, dann kriegste sie. Da lachen die Zuschauer, da lacht auch Ronald Reng, der Autor, der ein Buch über Klose geschrieben hat und es im „Stadion“ gemeinsam mit ihm vorstellt. Und da lacht sogar Klose, der mehr WM-Tore geschossen hat als jeder andere Fußballer, der auf dem Hocker in der Kneipe aber trotzdem zu den Leuten sagt: „Ich bin einer von euch.“
Es klingt natürlich seltsam, wenn ein früherer deutscher Nationalspieler, ein Millionär, so spricht. Der Journalist Oliver Fritsch hat einmal herrlich formuliert, dass Fußballprofis, diese verhätschelten Wesen, auf einem fernen Planeten leben. Wenn einer aber noch Kontakt zur Erde hält, dann vielleicht Klose, der vier Jahre vor seinem ersten WM-Finale 2002 noch in der Bezirksliga kickte für die SG Blaubach-Diedelkopf, der vor der großen Karriere eine Lehre zum Zimmermann machte und für den Zivildienst in die Röntgenabteilung eines Krankenhauses ging. In der Kneipe erzählt Klose, dass ihm der Fußball früher auch so gefallen hat wegen dem „Feiern danach“, dass Laufen für ihn schon immer eine Qual war und dass er seine Schusstechnik bis heute schlecht findet. Er berichtet, dass er auch seine zweite Lebenshälfte sinnvoll füllen will, weshalb er es bald mal mit dem Fußballlehrer probieren will, auch wenn er, um nur eine DIN-A4-Seite zu lernen, ungefähr eine Woche brauche. Irgendwann gibt er auch zu, dass sein Körperfettanteil, nachdem er 2011 nach Rom gewechselt war, in nur sechs Monaten von 6,4 auf 11,5 Prozent gestiegen ist. „Pizza und Pasta“, sagt Klose, „hat Spaß gemacht.“
So geht das weiter. Ronald Reng fängt die Geschichten an, Miroslav Klose kommentiert sie manchmal bissig, oft lustig, die Zuschauer lachen. Die Show kommt gut an. Vielleicht finden sie es angenehm, dass der Autor Reng den Promi Klose so ernst nimmt, dass er wissen will, wer er wirklich ist, dass er seinem Buch den Titel „Miro“ gegeben hat, ihn bis heute aber aus Respekt Miroslav nennt. Vielleicht finden sie es aber auch einfach wohltuend, dass auch ein Weltmeister sich erst einmal an Mikrofon und Publikum gewöhnen muss, dass es auch bei ihm ein paar Sätze und noch ein paar Schluck Bier braucht, bis der Fuß vor Aufregung nicht mehr wippt.
Natürlich gibt es dann aber auch Geschichten, die daran erinnern, dass Miroslav Klose wohl doch nicht einer von uns ist. Als er 2007 mit seiner Frau und seinen Kindern von Bremen nach München zog, konnte er es kaum glauben, dass ein Miethaus 4000 Euro pro Monat kostet. Solange er überlegte, ob er das Haus will (ja, er wollte dann), quartierte ihn der FC Bayern im Luxus-hotel „Vier Jahreszeiten“ ein, wo er seine neuen Mitspieler Luca Toni und Franck Ribéry kennenlernte. Sie trafen sich abends oft zum Dinner, Klose wollte früh essen, Toni spät, Klose wollte in Restaurants in der Ecke sitzen, wo sie keiner entdeckt, Toni lieber in der Mitte, wo sie jeder sieht. Und als die anderen zwei am Morgen einmal so spät dran waren – Toni sagte stets: „Relax, my friend“ – fuhr der immer pünktliche Klose so schnell mit dem Auto zum Training, dass sie auf dem Weg geblitzt wurden. Da lachte Toni und da applaudierte Ribéry. An die drei Monate im Hotel erinnert sich Klose bis heute sehr gerne. „Ich war fürs Arbeiten da, der andere war Model“, sagt er, meint das jedoch nett. Mit seinem Kumpel Toni trifft er sich im Sommer manchmal noch immer in Italien. Dort durfte er später, zu seiner Lazio-Zeit, auch mal ganz vorne zusehen, als der Papst predigte. Er lernte dann, dass die Schweizer Garde zu 80 Prozent aus Lazio-Anhängern besteht. Die Wächter, sonst stets selbst das Motiv, wollten Fotos mit ihm. So ist es dann auch am Mittwochabend, nach 22 Uhr, in der Kneipe. Zu einer Zeit, zu der er eigentlich schläft, steht Klose vor seinem Hocker, signiert Bücher, macht Fotos mit den Gästen, redet mit ihnen, trinkt Bier, als wäre das alles ganz normal. Nein, Miroslav Klose, dieser große Stürmer, ist keiner von ihnen. Aber vielleicht ist es der große Unterschied, dass er den Leuten anders als die allermeisten Fußballprofis das Gefühl gibt.