„Jetzt nimmt uns auch der Letzte ernst“

von Redaktion

Formel-E-Pilot Daniel Abt über die Entwicklung und den besonderen Reiz der Rennserie – und seine Saisonziele

München – An diesem Freitag laufen die Elektromotoren wieder heiß. Die nachhaltigste Motorsportserie der Welt startet in ihre sechste Saison. Von Beginn an mit dabei: der Kemptener Daniel Abt (26). Vor dem Auftakt in Riad/Saudi-Arabien erklärt der erfolgreichste deutsche Formel-E-Pilot und zweifache e-Prix-Sieger im Gespräch mit unserer Zeitung, wie sich der Sport verändert hat und warum eine andere Serie für ihn nicht mehr infrage kommt.

Sie sind seit der ersten Stunde, seit 2014, Bestandteil der Formel E. Der Einstieg war beim Start der Serie ein riskanter Schritt. Was hat Sie damals von dem Projekt überzeugt?

Das kam einfach zum richtigen Zeitpunkt in meiner Karriere. Ich bin zwei Jahre GP2 gefahren, und die waren extrem schlecht. Ziel war natürlich immer die Formel 1 – aber es war mir bewusst, dass das Thema gestorben ist. Es gab nicht so viele Optionen, und dann kam die Formel E mehr oder weniger aus dem Nichts. Das klang spannend, aber es wusste keiner, ob das richtiger Motorsport ist oder ob das nach einem Jahr wieder stirbt. Ich hatte nicht so viel zu verlieren. Man hat mitbekommen, dass das Thema von außen belächelt wird. Die Leute in der Formel E sind zwar Konkurrenten, aber alle arbeiten daran, das gemeinsam zu pushen. Man hat sich als Teil von etwas gefühlt und das habe ich in dieser Form im Motorsport noch nie erlebt.

Seitdem ist viel passiert. Wie hat sich die Serie aus Ihrer Sicht verändert?

Vom Gefühl her alles. Die Professionalität, die Competition ist auf ein extremes Niveau gewachsen. Die Autos und die Technologie natürlich: Am Anfang hatten wir einfach gestrickte Autos. Die Batteriekapazität war nicht sehr hoch, die Leistung war niedrig. Und das hat sich jedes Jahr verändert bis hin zu dem neuen Auto, das der Formel E eine gewisse Identität gegeben und dafür gesorgt hat, dass uns auch der Letzte ernst nimmt. Spätestens ab Saison drei gab es ein Umdenken. Die Hersteller hatten Interesse, was auch mit der steigenden Relevanz von E-Mobilität zu tun hat. Und jetzt haben wir die Serie mit der größten Herstellerdichte, mit Top-Fahrern, mit Hammer-Strecken und mit ganz vielen Sponsoren und Partnern.

In Deutschland fehlt es noch an medialer Aufmerksamkeit. Würden Sie sich da mehr wünschen?

Ja, viel mehr. TV-Präsenz ist der Grundstein, wenn man als Sportart gesehen werden will. Man muss die Leute mit einer schönen Übertragung begeistern. Ich habe das Gefühl, dass das in anderen Ländern mittlerweile viel besser funktioniert als in Deutschland, dass da schon noch Potenzial ist. Wenn man selber drin ist, wünscht man sich immer, dass es durch die Decke geht und die Leute sich dafür interessieren.

Der Kalender besteht nur aus engen Stadtkursen. Vermissen Sie die richtigen Rennstrecken?

Natürlich gibt es ein paar Rennstrecken, wo man sagt: Da hätte ich mal wieder Bock drauf. Aber da ist das Formel E-Auto nicht das richtige. Dafür ist es gar nicht konzipiert. Ich war schon immer in meiner Karriere Fan von Stadtkursen, zum Beispiel vom Norisring oder zu GP2-Zeiten den Kursen in Monaco oder Singapur. Das hat schon einen besonderen Reiz. Und gerade jetzt in der Formel E ist das ein Kernelement, das die Serie ausmacht. Es macht auch mehr Spaß, wenn du in Paris in der Innenstadt stehst anstatt in Oschersleben (Rennstrecke in Sachsen-Anhalt, d. Red.) am Zaun. Die Formel E würde nicht so funktionieren, wenn wir nicht genau an solchen Orten fahren würden.

Ist die effiziente Energienutzung für Sie eine willkommene Herausforderung, oder möchte man als Rennfahrer nicht eigentlich immer Vollgas fahren?

Man kennt es aus anderen Rennserien auch, dass man nicht immer Vollgas fährt. Bei Langstreckenrennen und in der Formel 1 muss man auch Sprit sparen. Und das heißt ja nicht, dass man nicht am Limit fährt. Das heißt nur, dass man wissen muss, wie man es sich einteilt. Es ist eine Herausforderung für den Fahrer – und gleichzeitig macht es die Show besser.

Die Serie ist eine Umsetzung von E-Mobilität. Was fahren Sie privat?

Kein Elektroauto. Ich fahre privat sehr viel Verschiedenes. Vor einem Jahr bin ich ein Hybridauto gefahren, aktuell fahre ich keines. Mich interessieren Autos, die Performance haben, die Spaß machen. Und E-Autos haben massiv Performance. Die Offensive der Hersteller und die Infrastruktur kommen erst noch. Wenn man aus dem Allgäu kommt und weite Strecken fahren muss, ist das nicht das ideale Fortbewegungsmittel. Da wird sich noch viel tun.

Soweit man das in dem schnelllebigen Geschäft sagen kann: Sehen Sie sich auch in fünf Jahren noch in der Formel E?

Das hängt von vielen Faktoren ab, ich kann es mir vorstellen. Ich bin jetzt 26, also vom Gefühl her bleibe ich nicht viel länger in der Serie als diese fünf Jahre. Aber man weiß nie. Ich habe jedenfalls nicht die Ambitionen, bis 40 Rennfahrer zu sein. Ich mache das jetzt mein ganzes Leben und hatte noch nie ein Jahr, in dem die Wochenenden nicht durchgeplant waren. Es ist auch mal schön, wenn man seinen Alltag ein bisschen gestalten kann. Ich fände es schade, wenn man sein ganzes Leben nur mit einem Thema verbringt.

Welche andere Serie würde Sie noch reizen?

Dadurch, dass die Formel E mir eine ganz andere Motorsportwelt gezeigt hat, gibt es nicht sehr viel, was sich für mich wie eine Bereicherung anfühlen würde. Bei der Formel E bin ich Teil von etwas. Es gäbe nicht viel, was mir das gleiche Gefühl geben könnte. Abgesehen von der Formel 1 – die ist aber nicht realistisch –, gibt es nichts, was mich auf gleichem Level interessiert.

Mit welchem Gefühl treten Sie in Riad an?

Mit einem Wir-freuen-uns-auf-die-neue-Saison-Gefühl. Ich kenne es halt aus den letzten Jahren. Es hat nie viel bedeutet, wo man bei den Wintertests in Valencia steht. Im Endeffekt kam immer alles ganz anders. Das Einzige, was man sagen kann ist, dass es keinen klaren Favoriten gibt, kein dominierendes Team.

Was ist Ihr persönliches Saisonziel?

Beide Meisterschaften zu gewinnen, den Fahrertitel und den Teamtitel. Klar, das will irgendwo jeder. Aber wenn man nicht das Ziel hat zu gewinnen, ist das der falsche Ansatz.

Interview: Julian Nett

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