München – Seit diesem Sommer arbeitet Holger Seitz, 45, in der sportlichen Leitung des Nachwuchsleistungszentrums des FC Bayern. Er ist mit der zweiten Mannschaft in die 3. Liga aufgestiegen, jetzt soll er mithelfen, dass endlich mal wieder ein Talent den Sprung zu den Profis schafft. Worauf aber kommt es an? Und welche Rolle spielen die Trainer? Im Interview klärt Seitz auf.
Herr Seitz, beim DFB versucht man, im Jugendbereich die Kombination „Laptop-Trainer“ und Ex-Profi als Tandem zu integrieren. Mit Miroslav Klose und Martin Demichelis sind auch am Campus bereits zwei ehemalige Weltklasse-Spieler tätig. Ist dieses Modell die Zukunft?
Wir wollen hier am Campus bewusst Ex-Profis einbauen, weil wir überzeugt sind: Einer, der jede Situation des Fußballs selbst erlebt hat, der weiß, wie man sich in der Halbzeitpause mit einem Rückstand fühlt, kann die Jungs auf sämtliche Szenarien vorbereiten, sich reinfühlen. Gerade Miro und Micho wissen durch ihre Spielerkarrieren, wie man aus komplizierten Situationen rauskommt bzw. erst gar nicht hineingerät.
Junge Trainer müssen sich oft den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihnen nur darum geht, mit guten Ergebnissen so schnell wie möglich nach oben zu kommen . . .
Das ist ein berechtigter Vorwurf. Leider ist es so, dass viele jüngere Trainer das genau aus diesem Grund machen. Teilweise benutzen sie die Spieler, um ihre eigene Karriere voranzutreiben, das ist gefährlich. Wir müssen die Trainer herausfiltern, die ihren Job aus Leidenschaft machen, die sich für den Sport begeistern, junge Fußballer weiterentwickeln wollen und sich freuen, wenn Spieler auf dem Platz Dinge umsetzen, die sie im Training gelernt haben. Da kann man dann auch mal ein Spiel verlieren – wenn es zu erkennen ist, dass Mannschaft und Spieler sich Stück für Stück in die richtige Richtung weiterentwickeln.
Sie sind seit 2003 in der Trainerausbildung tätig. Wann war dieser „Ego-Trend“ erstmals sichtbar?
(überlegt) Zwischen 2008 und 2010 war das schon auffällig. Da lief das alles plötzlich total in die falsche Richtung. Da sind dann genau diese Trainer, die den Job nicht aus Leidenschaft machen, auf den Zug „Ergebnis-Fußball“ aufgesprungen.
Warum ausgerechnet in dieser Zeitspanne?
Pep Guardiola. Ich hatte damals das Gefühl, dass viele Jugendtrainer plötzlich wie Pep sein wollten. Sie haben sich gekleidet wie er, sind herumgelaufen wie er und haben versucht, wie er zu trainieren. Plötzlich wurden viel häufiger Magnete fröhlich an einer Taktiktafel hin und her geschoben, um Grundordnungen gegenüberzustellen und theoretische Lösungen zu präsentieren. Aber das hat dem Nachwuchs nichts gebracht. Da wurde an der falschen Stelle kopiert. Da sind die elementaren Dinge des Fußballs viel entscheidender.
Was meinen Sie genau?
Schauen wir uns doch mal eine Pyramide an: Wenn die Mannschaftstaktik die kleine Spitze ganz oben ist, dann ist das Fundament die Einstellung, die Mentalität, demütig und bodenständig zu sein. Genauso wichtig ist es für die Spieler, dass sie wissen, was sie können. Das wird meiner Meinung nach stark vernachlässigt. Wir reden in Deutschland in der Jugendausbildung zu viel über Dinge, die Spieler nicht können. Das ist für junge Fußballer nicht besonders förderlich und demotivierend. Wie soll mir jemand ohne Selbstvertrauen, ohne Wissen, was ihn ausmacht, in der 89. Minute ein Spiel entscheiden? Aufbauend auf diesem Fundament geht es um Eins-gegen-Eins-Situationen. Sowohl in der Defensive als auch in der Offensive.
Sie sprechen das Thema Straßenfußballer an.
Wir haben uns in Fußball-Deutschland in den vergangenen Jahren viel zu sehr über die Pyramidenspitze, sprich Mannschaftstaktik, definiert.
Mehmet Scholl würde sagen: Systeme rauf und runter spielen.
Ja, ich muss dem Mehmet da auch Recht geben. Ich bin da voll bei ihm. Aber das haben wir am Campus ganz gut im Griff, dass bei uns Eins-gegen-Eins-Situationen und die elementaren technischen Dinge über allem stehen. Deswegen ist für mich auch das gezielte Individualtraining so wichtig. Wir versuchen, bis zu einem bestimmten Alter so wenig wie möglich über Grundordnungen und Taktik zu reden. Weil das den einzelnen Spieler nicht weiterbringt.
Dann hängt es also auch mit den jungen ehrgeizigen Trainern zusammen, dass wir in Deutschland mittlerweile zu wenige Individualisten haben.
Ja, auch. Wenn man sich die Mannschaftstaktik zu Nutzen macht, lassen sich Defizite einzelner Spieler relativ einfach auffangen. Verwenden wir das Defensivverhalten als Beispiel hierfür: Wenn die Spieler immer schön miteinander verschieben und mit ihrer Kompaktheit Räume zustellen, wird der Gegner Probleme haben, dass er einen Ball in die gefährliche Zone spielt. Die Folge davon ist, dass man mit relativ einfachen Mitteln einen Ballgewinn erzwingen kann. Aber wenn die Mannschaftstaktik gegen stärkere Gegner nicht mehr ausreichend ist, dann kommen die Schwächen des Einzelnen zum Vorschein. Darum ist die Herangehensweise falsch.
Was ist die richtige Herangehensweise?
Ich hab immer die Top-Spiele im Blick. In diesen Spielen sind die Eins-gegen-Eins-Situationen entscheidend und wenn diese nicht oder nur oberflächlich trainiert worden sind, werde ich die Topspiele verlieren. Dagegen reicht es bei schwächeren Gegner, kompakt zu verteidigen oder ein durchschnittlich trainiertes Eins-gegen-Eins Verhalten abzurufen, um den Ball zu erobern. Das ist nicht unser Anspruch. Darum müssen einige in Deutschland umdenken.
Inwiefern?
Wir müssen die Basis legen für die Topspiele. Das heißt: Wenn die Mannschaftstaktik nicht mehr ausreicht, muss jeder einzelne Spieler so gut ausgebildet sein, dass er es in einem Topspiel schafft, seine Eins-gegen-Eins-Situation in der Rückwärtsbewegung zu gewinnen. Oder umgekehrt in der Offensive: Wenn der Dribbler einen ordentlichen Gegenspieler hat, muss er so super sein, dass er diese Eins-gegen-Eins-Situation für sich entscheidet. Darum ist die Mentalität, die Freude am „Kicken“, die Bereitschaft, mich weiterentwickeln zu wollen, für uns das Fundament, das Mia-san-Mia-Gen und Eins-gegen-Eins.
Sollen die Jugendteams in der 4-3-3-Grundordnung auflaufen, damit beim FC Bayern ein durchgehendes System gespielt wird?
Es gab im Mai einen Trainer-Workshop, wo auch diese Frage gemeinsam diskutiert wurde. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns nicht knallhart auf ein 4-3-3 festlegen wollen. Die Trainer sollen schon noch einen gewissen Spielraum haben, aber in der Grundordnung sollen die Außenstürmer stets eine wichtige Rolle einnehmen. Es gibt aber Prinzipien, an die sich jeder Trainer ganz klar halten muss: Die Dominanz auf dem Platz muss in jeder Sekunde des Spiels zu erkennen sein.
Warum?
Weil wir Bayern München sind und das Spiel mit Ball kontrollieren wollen. Spieler, die wir scouten, müssen alle dazu in der Lage sein, die Idee des Ballbesitzfußballs umzusetzen. In der Offensive wollen wir gezielt unser Passspiel aufziehen und nicht nur in die Breite spielen. Heißt: Der erste Blick muss immer tief gehen und wenn der Pass nicht geht, dann müssen wir Bewegung ins Defensiv-Spiel des Gegners bekommen – aber nicht der Ballbesitzquote wegen, sondern mit dem Hintergedanken, dass irgendwann der Gegner nachlässig und müde wird und wir den raum- bzw. gegnerüberwindenden Pass nach vorne spielen können. Diese Prinzipien muss man bei Bayern München in jeder Jugendmannschaft erkennen.
Interview: Manuel Bonke