Kein Talent mehr

von Redaktion

Der Münchner Skifahrer Linus Straßer kämpft mit den Erwartungen – vor allem den eigenen

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Dort oben am Polarkreis kann es schon Anfang November ganz schön frostig sein. Das musste Linus Straßer feststellen, als die deutschen Slalomfahrer zuletzt für ein paar Tage zum Ski-Training in Levi waren. Als er am Mittwoch zum zweiten Mal in diesem Monat in Finnland landete, waren die Temperaturen fast angenehm, um die null Grad. Die Landschaft ist noch immer tief verschneit, nicht nur die Piste, auf der die Frauen am Samstag und die Männer am Sonntag ihre ersten Torläufe dieser alpinen Weltcup-Saison bestreiten, ist weiß.

Für Straßer ist der Auftakt – den Riesenslalom in Sölden vor einem Monat bestritt er nicht – wieder einmal ein Neuanfang. Die Vorbereitung war sehr gut, sagt er. Aber das hatte er auch im vergangenen Jahr gesagt und im Jahr davor ebenfalls. Als dann die Saison jeweils begann, war die Überzeugung plötzlich weg. Statt sich endlich im Slalom in der Weltelite zu etablieren, stagnierte er im besten Fall wie im Olympia-Winter. In der vergangenen Saison fiel er gar wieder aus den besten 30 des Weltcups und muss jetzt mit einer Nummer jenseits der 40 an den Start gehen, weil er nur ein Slalomergebnis zu Buche stehen hatte, Platz 19 in Kranjska Gora. Bei den anderen acht Torläufen kam er nicht ins Ziel oder verpasste den zweiten Durchgang. Straßer mag sich deshalb dieses Mal gar nicht so viel mit der Vergangenheit beschäftigen. Es sei rein eine „mentale Geschichte“, weiß er. „Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen.“ Ein Mentaltrainer soll helfen, die Blockade zu beheben. Womöglich hat sich der Skirennläufer vom TSV 1860 oft selbst zu sehr unter Druck gesetzt und ist schließlich an den zu hohen eigenen Erwartungen gescheitert – im Slalom.

Denn dass Straßer das ist, was man einen Wettkampftyp nennt, hat er schon öfters bewiesen. Aber eben zuletzt meistens in anderen Disziplinen. Im Parallelslalom zum Beispiel, da hat er im vor knapp drei Jahren das Cityevent von Stockholm gewonnen, ein Jahr später wurde er Dritter. Oder in der Kombination – dank eines erst spät entdeckten Talents für die Speed-Disziplinen. Dass Straßer bei der WM in Are im vergangenen Februar als Fünfter eine Medaille verpasste, habe nicht an seiner Abfahrtsperformance gelegen, sondern am Slalomauftritt, sagte der neue Cheftrainer Christian Schweiger. „Die Abwechslung tut gut“, sagt Straßer. Es gefällt ihm, bei der Abfahrt „nicht den situativen Stress wie beim Slalom“ zu haben, also einfach mal die Ski laufen lassen zu können, statt sich in jeder Sekunde mit einer Richtungsänderung beschäftigen zu müssen. „Er entwickelt sich abfahrtstechnisch immer besser“, sagt Schwaiger und fügt schmunzelnd an: „Ich hoffe, der Andi (Abfahrtscoach Evers, d. Red.) lässt den Linus beim Slalom.“

Dass Straßer auf ein paar Trainingstage in seiner Kerndisziplin verzichten musste wegen der Speedkurse, sieht der Cheftrainer nicht als Nachteil. „Vielleicht hat er gelernt, dass eine gewisse Lockerheit und Gelassenheit helfen kann.“ Nicht nur für die Abfahrt, sondern auch für den Slalom. Mit 27 ist Straßer kein Talent mehr, das sich an den Routiniers orientiert. Die sind entweder ohnehin weg (Felix Neureuther), suchen nach einer schweren Verletzung ihre Form (Fritz Dopfer) oder fahren meist auf einem ähnlichen Niveau (Dominik Stehle). Straßer gehört nun selbst zu den Erfahrenen, an dem sich der Nachwuchs orientiert. Die Technik-Gruppe um Trainer Sepp Brunner ist größer geworden, Schwaiger hat die Europacup- und Weltcup-Mannschaft zusammengezogen in der Vorbereitung, um die Konkurrenzsituation zu verschärfen. Der Stimmung hat das gutgetan, findet Straßer. „Da kann in den nächsten Jahren ganz was Cooles draus werden.“ Oder schon in diesem Jahr. Für ihn am besten gleich beim Auftakt am Sonntag in Levi.

Er muss mit einer Nummer jenseits der 40 starten

Der Slalomspezialist hat auch den Speed für sich entdeckt

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