Levi – Linus Straßer schaute im finnischen Schneegestöber mit zusammengekniffenen Augen die Piste „Black Levi“ hinauf, doch anders als zuletzt so oft war es kein banger Blick. „Das ist mit der schönste Teil des Rennens, wenn man gut gefahren ist und sich dann anschauen kann, wie weit es nach vorne geht“, sagte Straßer – und es ging noch sehr weit nach vorne. Auf Platz acht nämlich beim Sieg des Norwegers Henrik Kristoffersen, besser war Straßer in einem Spezialslalom zuvor nur ein einziges Mal.
Ein Grund zum Feiern? „Klar“, sagte Straßer lächelnd, „es wäre auch schlimm, wenn nicht.“ Der 27-Jährige hatte schon früh in seiner Laufbahn auf sich aufmerksam gemacht, mancher sah in ihm schon einen neuen Felix Neureuther, mit dem er sich einst das Zimmer teilte. Doch Straßer stand sich zu oft selbst im Weg. Mithilfe eines Mentaltrainers versuchte er im Sommer, den Blick aufs Wesentliche zu schärfen – und trumpfte gleich im ersten Weltcup-Slalom nach dem Rücktritt von Neureuther bärenstark auf.
„Der zweite Lauf war das, was man sich schon seit Jahren vom ihm erwartet hat“, sagte Alpinchef Wolfgang Maier über Straßers Husarenritt, mit dem er bei starkem Schneefall stolze 15 (!) Plätze gut machte. „Das Ergebnis von Linus ist ein klarer Lichtblick“, meinte Maier. Zwar überzeugte im Winterwunderland nördlich des Polarkreises beim Rekordsieg von Slalom-Königin Mikaela Shiffrin (USA), die den großen Schweden Ingemar Stenmark überflügelte, auch Lena Dürr als Zehnte. Die anderen DSV-Athleten aber hatten viel Luft nach oben.
Ganz anders Straßer, der sich mit der hohen Startnummer 47 als einziger eines deutschen Sextetts um den früheren WM-Zweiten Fritz Dopfer ins Finale der Top 30 kämpfte – und dann aufdrehte. „Bis Mitte Steilhang war es ein richtig geiler Lauf“, sagte er über seine zweite Fahrt, „unten habe ich leider ein paar km/h liegen lassen.“ Dennoch war er „auf jeden Fall zufrieden“. Kein Wunder: Besser war er nur als Fünfter in Schladming im Januar 2015. Zu Sieger Kristoffersen, der Shootingstar Clement Noel (Frankreich) distanzierte und als Bester ein Rentier bekam, fehlten Straßer 0,89 Sekunden. „Das war ein guter Saisonstart, aber ich muss schauen, dass ich so weiter mache“, sagte er.
Shiffrin fuhr wieder einmal in einer eigenen Liga. Als die 24-Jährige mit dem 41. Weltcupsieg in ihrer Spezialdisziplin die Ski-Legende Stenmark vom Slalom-Thron stieß, spendete sogar der Weihnachtsmann aus dem „Santa-Claus-Dorf“ anerkennend Applaus. Ihr stolzer Vorsprung auf die Zweite, Kombi-Olympiasiegerin Wendy Holdener (Schweiz): 1,78 Sekunden. Dürr (Germering) lag 3,73 Sekunden zurück, sprach aber von einem „kleinen Schritt nach vorne“. Christina Ackermann (Oberstdorf), Marlene Schmotz (Leitzachtal) und Marina Wallner (Inzell), die ihr Comeback nach einem Kreuzbandriss gab, belegten die Ränge 16, 22 und 27.
„Ich war total begeistert von meinem Skifahren. Ich habe es genossen, ohne an den Rekord zu denken“, sagte Shiffrin nach ihrem insgesamt 61. Weltcupsieg, dem vierten in Levi. Ihr ungewöhnlicher Preis: Das noch namenlose vierte Rentier nach Rudolph (2013), Sven (2016) und Mr. Gru (2018). sid