München – Es hat sie durchaus schon gegeben, Momente, in denen Thomas Müller nicht der Gute-Laune-Onkel war, sondern das Gegenteil. Und zwar auch in Zeiten, in denen beim FC Bayern noch das ungeschriebene „Müller-spielt-immer-Gesetz“ galt, das Louis van Gaal einst installiert hatte. Als vor einigen Jahren in der Kantine an der Säbener Straße der traditionelle Weihnachts-Singsang der Profis anstand, so erzählt man sich beispielhaft, hatte Müller keine Lust. Elch-Ohren aufsetzen oder gar eine Nikolausmütze – das gehört nicht zur Berufsbeschreibung eines Fußballprofis, genauso wenig wie ein lustiges „Jingle Bells“ vor laufenden Kameras. Die kurze Aktion soll damals kurz vor dem Abbruch gestanden haben. So ein Müller reißt eben mit – egal in welche Richtung.
Inzwischen ist wieder fast Weihnachten, es sind ein paar, ja sogar einige Jahre vergangen. Thomas Müller ist älter geworden, reifer, aber das ungeschriebene Gesetz wurde erst vor wenigen Wochen neu interpretiert. Auch unter Hansi Flick, so hat es der Interimstrainer des FC Bayern gleich zu seinem Amtsantritt gesagt, genießt Müller einen Sonderstatus. Nicht mehr als junger unberechenbarer Unruheherd, sondern als verdienter Führungsspieler, der vorangeht. Dass er vor dem Champions League-Gruppenspiel morgen Abend (21 Uhr) in Belgrad seit 1326 Minuten auf ein Tor wartet, ist für Flick im Moment nebensächlich. Zum einen, weil Müller in seiner Lieblingsrolle als Achter beim 4:0 in Düsseldorf an allen vier Treffern beteiligt war, und zum anderen, weil er es laut Teamkollegen wie etwa Robert Lewandowski „wieder genauso macht wie früher. Wenn es läuft, dann läuft es. Das ist super.“
Tore werden wieder kommen, aber schon jetzt wirkt Müllers Situation wie ein kleines Happy End. Gerade mal drei Wochen ist es her, als der 30-Jährige beim 1:5 in Frankfurt seinen persönlichen Tiefpunkt unter Niko Kovac erlebte. Als er in der 64. Minute ausgewechselt wurde, hatte er 21 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen und exakt kein Mal aufs Tor geschossen. Von der Bank aus verfolgte er, wie seine persönliche Stunde null auch zu jener vorläufigen des FC Bayern wurde. Der Rest ist bekannt: Kovac ging, der FC Bayern blüht auf – und Müller steht sinnbildlich.
Natürlich ist es ein Vorteil, dass Flick und Müller sich aus Weltmeister-Zeiten bestens kennen, mögen und schätzen. Und es ist dazu kein Geheimnis, dass Müller und Kovac nie gute Freunde waren und der Ex-Nationalspieler seine Meinung über den Coach auch intern häufig und deutlich genug kundgetan hat. Unter dem Kroaten hatte Coutinho die Nase vorn, der nun in Düsseldorf erstmals unter Flick von Beginn an spielte. Nicht anstelle von, sondern neben Müller, wohl gemerkt. Das Wort „Notnagel“, vor einem Monat noch rauf und runter diskutiert, wirkt heute wie aus einer anderen Zeit. Genauso wie die Überlegungen von Müller, als Dauer-Reservist unter Kovac den Verein im Winter zu verlassen.
„Das war die Charakterprüfung“, sagte Müller nach dem hohen Sieg in Düsseldorf, „und es stimmt uns positiv, dass wir das hier so umsetzen konnten.“ Während die Erfolge gegen Piräus und Dortmund vor der Länderspielpause auch ein Resultat aus dem Zauber des Anfangs unter Flick hätten sein können, darf man nun schon von Trendwende sprechen. Müller ist bei dieser aber nicht in der Rolle des Torjägers, sondern in jener des Anführers. Flick sagt: „Thomas ist ein Spieler, der jeder Mannschaft guttut.“
Sieben Partien stehen bis Weihnachten an. Und irgendwann in diesem Dezember wird freilich wieder für Millionen Fans auf der ganzen Welt gesungen, mit lustigen Weihnachts-Accessoire, vor laufender Kamera. Man darf davon ausgehen, dass die Stimmung gut sein wird. Müller ist im Moment in bester Laune. Das reißt mit, auf dem Platz wie daneben.